Bei einem Besuch im Museumsdorf in Niedersulz, einem Weiler im Weinviertel, via Autobahn von Wien aus in einer knappen Stunde erreichbar -, hat mich die Nachbildung einer Landschule aus dem letzten Jahrhundert mit zwei Tafelklassen und Lehrerwohnung am längsten zu verweilen eingeladen. Schon aus beruflichem Interesse, da ich selbst lange Zeit Lehrer war. Es waren weniger die aufgeschlagenen und mit Heileweltbildern illustrierten Fibeln, mit deren Hilfe alphabetisiert wurde, auch nicht der Setzkasten, der Rechenschieber und die anrührenden Schiefertafeln mit den Schwämmchen und Kreiden, auf denen ich ja noch selbst geschrieben habe, – mich hat vor allem das an der Wand hängende Porträt des letzten Kaisers und die große Wandtafel mit der Schulordnung nachdenklich gestimmt. An Schulordnungen nämlich lassen sich auch ohne zeitliche Zuordnung durch gerahmte Amtsträger gesamtgesellschaftlichliche Zustände festmachen, weil sie den Verhaltenskodex spiegeln, mit dem unter Rücksichtnahme auf die Anforderungen der Arbeitswelt Kinder und Jugendliche sozialisiert worden sind.

Hier eine Schulordnung von vor 100 Jahren.

  1. Jeder Schüler muss zur rechten Zeit kommen und in seiner Bank über seiner Tafel und den Büchern still und aufrecht sitzen. Dabei liegen die Hände geschlossen auf dem Tisch, der Rücken ist hinten angelehnt und die Füße werden parallel nebeneinander auf den Boden gestellt.
  2. In der Schule und auf dem Schulhof ist kein Geschrei und Geschwätz gestattet.
  3. Spielen, Plaudern, Lachen, Flüstern, Hin- und Herrücken, heimliches Lesen und neugieriges Herumgaffen dürfen nicht vorkommen.
  4. Sämtliche Kinder schauen dem Lehrer fest ins Auge.
  5. Das Melden geschieht bescheiden mit dem Finger der rechten Hand. Dabei wird der Ellenbogen des rechten Armes in die linke Hand gestützt.
  6. Beim Antworten hat sich das Kind zu erheben, gerade zu stehen, dem Lehrer fest ins Auge zu schauen und in vollständigen Sätzen rein und laut zu sprechen.
  7. In den Pausen gehen zuerst die Mädchen und dann die Buben.
  8. Wer gegen diese Regeln verstößt, soll den Stock des Schulmeisters zu spüren bekommen.

(Quelle: Schule früher ­ ganzheitliches Erfassen einer vergangenen Lebenssituation, in: Grundschulunterricht, 11/2003, S. 17.)

Dass eine solche Sozialisierung zwei Weltkriege erst möglich gemacht hat, liegt auf der Hand, aber schauen wir einmal genau hin: Was unterscheidet Schulordnungen von heute von denen früher?

Wenn ich die Schulordnungen von öffentlichen Schulen vor 100 Jahren – nicht die gesetzlichen Bestimmungen, sondern die auf die Situation in den jeweiligen Schulen und Schultypen Zugeschnittenen -, mit denen von heute vergleiche, dann ist es auf den ersten Blick fast so, als würde ich Äpfel mit Birnen in einen Korb werfen. Damals noch hatte zB. am Land die Arbeit auf den Feldern und die dabei unabdingbare Mithilfe der Kinder Vorrang vor der Schule, Koedukation war undenkbar, die konfessionelle Bindung und Einflussnahme der Kirche selbstverständlich, eine Klassenzahl mit bis zu 50 SchülerInnen üblich, Erst auf den zweiten fällt auf, dass es derselbe Wein in neuen Schläuchen ist.

Ordnung muss sein, aber welche? Wie viel Spielraum lässt sie dem nicht Genormten? Selbst wenn Verbote und Gebote im schulpartnerschaftlichem Konsens in Verhaltenswünsche umgeschrieben werden, gelernte SchülerInnen wissen, dass die Schulordnung weniger ihr Zusammenleben im Klassen- oder Schulverband regeln will, sondern mit versteckten Sanktionsdrohungen den LehrerInnen einen ungestörten Unterricht möglich machen soll. Beliebte Praxis ist, die Schulordnung abschreiben zu lassen. Wie oft sie abgeschrieben werden muss, hängt vom Ermessen des Lehrers oder der Lehrerin ab, und ist abhängig von der Schwere des Vergehens gegen das Verordnete. Selbst wenn ich als LehrerIn andere Vorstellungen von Ordnung habe, sind nun alle auf diesen Kodex eingeschworen: Kaugummikauen? Aufs Klogehen während der Unterrichtzszeit? In der Pause in der Klasse bleiben? Das alles gehört zum internen Regelwerk einer Schule, und in Schulordnungen aufgelistet finden wir hauptsächlich Verbote, deren Sinnhaftigkeit infrage gestellt werden könnte. Wer das aber tut oder sogar ausschert, kann schnell zum Außenseiter werden. Ich habe in meiner Laufbahn als Lehrer einige KollegInnen kennen gelernt, die ich um ihre Fähigkeit beneidet habe, in den Klassen Disziplin zu halten, ohne auf Schulordnungen verweisen oder Strafen androhen zu müssen; die eine natürliche Autorität besaßen, keine, die auf Angst gegründet war, die Chaos zulassen können, weil sie diese als Quelle von Kreativität erkannten. Wenn Lehrerausbildung Sinn machen soll, dann, dass von ihnen gelernt wird. Wie, weiß ich nicht. Das Beispiel allein genügt nicht, aber es ist Anreiz genug, ihm nacheifern zu wollen, da sie die auf Schulordnungen gegründete Ordnung überflüssig machen.