Kassiber

reimgründeIn welcher Sprache sprecht ihr? Wie kann ich euch empfangen? Ist Demut genug? Auf Knien, mit der Stirn den Boden berührend? Auf Augenhöhe, wenn ihr denn welche habt? Wie nehmt ihr wahr? Was ist für euch Wahrheit? Ist sie so schön, wie man sagt? Aber was sagt ihr? Könnt ihr sprechen? Welche Sprache muss ich lernen, euch zu verstehen? Seid ihr das Andere, das ganz und gar Andere? Ihr da draußen, die ihr in silurischen Zeiten rechnet, wie ist euer Himmel? Färbt auch er sich rot, wenn der Abend kommt? Wie lang sind eure Tage? Habt ihr mehr als eine Sonne? He, ihr da, hört ihr mich? Könnt ihr mich wenigstens hören? Es macht nichts, wenn ihr nicht versteht, was ich frage, denn jede birgt Antworten, die gar nicht erst wissen zu wollen, mich euer Schweigen lehrt. Ich frage trotzdem: Habt auch ihr Berge, die seine Wasser in die Täler spült, wenn der Schnee schmilzt im Sommer? Legt ihr Maiskörner in die Erde, wenn der Frühling kommt? Betet ihr um reiche Ernte? Habt ihr Götter und Altäre, auf denen geopftert wird? Mit sprachlosen Worten, aber nicht stumm, komme ich zu euch, verneige mich und frage und höre nicht auf zu fragen, um den Zauber zu brechen, der in den Steinen wohnt, mit denen ihr nach mir werft. Ich bin noch nicht, doch gedacht schon seit Jahren, die nichts wissen von Zeit. Ihr könnt mich nicht töten, denn ich bin noch nicht geboren. Nehmt mich an. Nehmt mich auf! Ich bin ein Teil von euch: Ein Bruder, wenn ihr wollt.Dass es so komme, ist mein Gebet, denn ich habe mich entschieden zu glauben, wenn es so weit ist. Noch aber will ich das Zeitliche nicht segnen und das Ewige, das meine Vorstellungskraft sprengt, muss warten, um vom dereinst ausgelöschten Ich begriffen zu werden.

Noch aber bin ich Gast hier und bewohne den mir zugeteilten Raum. Er ist klein, eine Insel nicht größer, aber auch sie teilt ein Äquator und jeder Stein auf ihr singt sein Lied. Ich wiege ihn in meiner Hand und halte ihn ans Ohr, wie Kinder es mit Muscheln tun, um dem gefangenen Rauschen der Meere in ihnen zu lauschen, die sie an meine Küste gespült haben. Wenn meine Steine flach genug sind, kann ich nicht widerstehen, sie auf dem Spiegel der See tanzen zu lassen und ihnen zuzusehen, wie dieser jetzt die Schwerkraft durch Geschwindigkeit überlistend drei Mal, vier Mal, und jetzt sogar über die Zahl der zehn Finger hinaus hoch aufspringt, jauchzend, jung; ja: Übermütig, immer schneller wird, bis er im Rausch immer kürzerer Sprünge jäh abstürzt, als wüsste er, dass er zu weit gegangen war und dafür bestraft werden muss.

Wie jungfräulich war es, mein kleines Atlantis, und nicht wie Adam im Garten Eden wählte ich Namen für alles, was ich in ihm entdeckte. Alles blieb unbenannt, und dem Reichtum, der mich umgab, dem schenkte ich meine ungeteilte Aufmerksamkeit, denn meine Gedanken waren noch nicht von der Quelle des Seins getrennt. Ich hatte kein Ich und war ohne Vergangenheit und auch ohne Zukunft. Einem Tier oder einer Pflanze verwandter und ähnlicher als dem, was aus dem Wesen wurde, das später sich ich nannte. Aber bleiben wir in der Zeit, in welcher mein Bewusstsein noch nicht vom vermeintlichen Wissen um Zeit vergiftet war. So taufte ich auch dich nicht, obwohl ich dich mit meinen Sinnen schon wahrnahm, bevor du vor mir standest und ich mit großer Bestürzung feststellen musste, dass alles schon seinen Namen hatte selbst in den toten und schon ausgelöschten Sprachen.

Du warst gekommen, mich zu besuchen. Es war ein Freitag. Ich weiß es, weil es nicht einer von diesen Tagen war, wie alle sind. Als Mücken das Licht umtanzten, hast du gesagt, hättest du gewusst, dass das Festland nicht weit sei. Ich sah deine Insel aus den Nebeln auftauchen und hielt auf sie zu. Jetzt bin ich da; gekommen, weil du nach mir gerufen hast.

Nicht lange hielt es dich bei mir, und als du alles gesehen hattest, was es zu sehen gibt, hast du dich wieder auf den Weg gemacht, und mir die Sehnsucht nach den dunklen, unberührten Wäldern hinterlassen, die du mir als deine Heimat beschrieben hast. So war auch mir meine Insel zu klein geworden und es drängte mich hinaus in das, was man gemeinhin die große Welt nennt und ich begann, in meinen Träumen ein Boot mir zu zimmern aus gestrandetem und von der Sonne ausgebleichtem Holz, von dem ich annahm, dass es aus deinen Wäldern kam, hisste die Segel und überließ mich der Strömung. Und so trieb ich und ließ mich treiben, ging an Land, zu suchen dich, wo immer ich Land fand. Da es mein Ruf war, der dich zu mir geführt hatte, damals, als ich nur überrascht, aber außerstande war, dir mehr zu zeigen, als deine Augen wahrnahmen, rief ich wieder und ich rief dich in tausend Namen, weil ich den deinen vergessen hatte.

Du, der du das liest, mein Logbuch, in dem ich gewissenhaft festhalten will in Schrift und Sprache, was ich erlebt zu haben glaube, ahnst jetzt schon, dass ich, der ich bis selbst in die Herzen der dunkelsten Wälder vorgedrungen war, nicht fand, was ich suchte. Das Pfand nämlich blieb mir. Ich hätte es gerne getauscht gegen jeden Tand; selbst gegen zerbrochenes Glas, aufgefädelt zu einer Klafterkette, die mir so schwer um den Hals hing, dass ich nur noch gebückt meinem Schatten folgen konnte; auch gegen die rote Mütze, die mir angeboten wurde, weil ich denen zu nackt war, die zwar wie ich reisten, nicht aber zu entdecken, sondern zu erobern ausgezogen waren. Nicht im Traum dachten sie an solchen Tausch, den ich noch immer träumend vorweg-zunehmen versuchte. Bei meiner Suche hat mir nichts Nutzen gebracht, was ich in Schulen gelernt habe, noch eine der Glaubenslehren, obwohl ich viele der Kirchen besucht habe, vor allem die unter ihnen, die nicht auf Felsen gebaut oder gegründet waren. Mein Leitstern war als Schnuppenregen im Poseidenstrom verglüht in jener Nacht, als ich aufgebrochen war im Glauben an Ihre wunscherfüllende Kraft. Sie muss wohl verloren gegangen sein, da ich nicht schnell genug war, den einen auszusprechen, noch während der Meteoritenstrom sich über den schwarzen Himmel ergoss.Mir diese Zeit in Erinnerung zu rufen, in welcher ich auf der Jagd nach weißem Wal wie ein immer wieder von Neuem genarrter Ahab über die sieben Meere hetzte und alle Küstenstreifen für Zipangu hielt, weit weg und trotzdem dort, muss ich nur in meinem Logbuch blättern und eine beliebige Seite aufschlagen, wie zum Beispiel diese, die leider kein Datum mehr enthält, da ich begonnen hatte in Gezeiten und nicht mehr linear in Tagen, sondern zyklisch zu rechnen: Auch diese Stelle, die jetzt aufgeschlagen vor mir liegt, leicht vergilbt schon und mit angekohltem Rand, weil ich an all das nie wieder erinnert werden wollte, es aber – kaum, dass es Feuer gefangen hatte, mit bloßen Händen wieder den Flammen entriss, legt Zeugnis ab von meinem Geisteszustand; aber lassen wir die Aufzeichnung für sich sprechen:

Ich will sehen, so viel ich kann, manchmal aber bin ich müde wie jetzt. Ist nicht alles schon gesagt und über alles schon geschrieben worden? Warum dem noch etwas hinzufügen wollen? Ist die Entstehung von Perlen, wie sie uns ein römischer Naturforscher erklärt, nicht viel schöner als das, was ich heute über sie weiß? Er schreibt von „Austern, die an den Zweigen von Bäumen hängen, die weit ins Meer hinaus wachsen, das Maul weit geöffnet, um den Tau aufzunehmen, der von den Blättern herabfällt, aus dem die Perlen entstehen.“ In Märchen und Mythen finde ich größere Wahrheit, ja selbst in den Weissagungen ausgestorbener Völker, die von Ereignissen in der Vergangenheit in Form von Prophezeiungen berichten. Ich höre mich um und treffe auf viele Menschen: Solche, die von innen nach außen blicken, ohne ihr ich im du der anderen zu erkennen, weil in allem sie nur noch sich gespiegelt sehen, und andere, die von außen nach innen schauen – so gleichgültig geworden, dass ihnen nur noch das blöde, aber unverstandene Lächeln eines Buddha blieb. Beide haben sie die Hälfte ihres Seins verloren, und ich? Mehr als das. Denn ich bin blind geworden und sehe im Schönsten das Unvollkommene und fürchte den Sturm bei wolkenfreiem Himmel. Ich weiß nur, dass, wo einer verdient, ein anderer zahlen muss, oder, dass kein Gedicht uns über den Tod hinwegtrösten kann. Ich möchte nur noch Eines: Zurück auf meine kleine Insel, zu jenem magischen Ort, dessen Koordinaten ich verloren habe. Zurück zu der mir vertrauten Wirklichkeit, die ich schon vor meiner Geburt schaute. Dorthin zurück, wo ich noch staunen konnte und nichts mir aus Ursachen erklären wollte. Nur ein glücklicher Zufall wird mich wieder auf Kurs bringen.

Soviel zur Weltsicht jener Tage, in denen ich in einem Laufrad gefangen war und die zurück gelegten Wege selbst schon für das Ziel halten wollte. Nein: Nicht wer suchet, findet. Im Gegenteil: Nur, weil ich mich irrte, fand ich über notwendige Umwege, die mich das so Gefundene mehr schätzen lassen, was ich nicht gesucht habe. Ich frage nicht mehr. Man kann auch fragen, um zu demütigen oder letzte Zweifel auszuräumen. So fragt Gott Hiob und nimmt ihn ins Kreuzverhör: „Wo warst du, als ich den Grund der Erde legte? Sprich es aus, wenn du Bescheid weißt! Wer hat ihre Maße bestimmt? Weißt du das? Wer hat die Maßschnur über sie ausgespannt? Hast du, solange du lebst, jemals den Sonnenaufgang angeordnet und dem Morgenrot seinen Platz angewiesen? … Kannst du die Tierkreisbilder hervortreten lassen zu ihrer Zeit und den Großen Bären leiten samt seinen Jungen?” …

Ich sitze da, nicht auf geträumten und im Traum gezimmerten Planken, kein Segel ist gesetzt, kein Wind bläht das Tuch auf, noch wird es von erfundenen Stürmen in Stücke zerrissen. Ich sitze da. Ein Lächeln von dir und die Vergangenheit ist ausgelöscht. Wenn ich die Augen schließe, könnte ich verführt werden zu glauben, dass ich keine Hände mehr habe und keine Finger, die das, was ich denke und mir eben durch den Kopf geht, in Zeichen übersetzen, die ich einem Kassiber anvertrauen will, da der Zufall entscheiden soll, ob du es sein wirst, der sie entziffert. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich alles vor mir, selbst den von mir bewohnten Körper aus der Zeit, da seine Haut noch wie eine Trommel gespannt war. Ich höre die Ameise kauen. Mit geschlossenen Augen jetzt, sehe ich dich. Endlich. Kosmische Stille. Kein Hörensagen mehr.