Da unser Nachbar in Wien aus Südtirol stammt und eine Schwester hat, die dort im Ahrntal wohnt und zufällig auf ihrem Hof in Almhöhe auch Ferienwohnungen anbietet, lag es nahe, auf dem Weg übers Allgäu, wo der Vater meiner Lebensgefährtin seinen 80igsten gefeiert hat, nach einem Besuch bei meiner Mutter in Bregenz einen Schlenker über Südtirol zurück nach Wien zu machen.

Der Nachbar hat nicht zu viel versprochen. Der noch heute bewirtschaftete Hof der Familie Maurer liegt hoch über St.Johann (1230 m)und wir haben vom Fenster aus eine herrliche Sicht auf die Alpen, welche auf ihren Kämmen die Grenze zu Österreich bilden. Das 40km lange Tauferer Ahrntal mündet direkt in die Zillertaler Alpen und ist von 80 imposanten Dreitausendern umgeben. Von hier aus unternehmen wir – so es das Wetter erlaubt – vielstündige Wanderungen auf gut markierten Wegen in die Seitentäler des valle aurina. Alles: Jeder noch so kleine Weiler, jede Alm, jede Bergspitze, auch die Flurnamen, ja sogar Vor- und Familiennamen auf Grabsteinen wurden – so klagt Vincenz, der 86 jährige Nene oder Opa und Vater unserer Gastgeber – im Zuge der Italianisierung unter Mussolini umgetauft. Noch heute sei fast die Hälfte der wahlfähigen Bevölkerung hier in St.Johann für einen Freistaat oder die Wiedereingliederung ins „Vaterland“ Österreich. Da wir am Tag des EM-Spieles Italien gegen Spanien  angekommen sind, wollte ich den Leuten mit der Frage, für wen sie heute Abend den Daumen drücken, selbst auf den Puls fühlen. Erstaunlicherweise wollten alle zu Italien halten, aber je länger wir uns hier aufhalten, merke ich schon, dass es nicht angebracht ist, mit Italienischkenntnissen punkten zu wollen. Grüß Gott also und nicht buon giorno, obwohl alles zweisprachig ausgeschrieben ist.

Sprache und Brauchtum werden hier besonders gepflegt, da es eine Zeit gab, in der beides verboten war. Florian, der Sohn der Familie, bei der wir untergebracht sind, ist 19 Jahre alt und hat eine Lehre als Elektroinstallateur absolviert. Er gesteht, dass er erst jetzt beginnt, richtig italienisch zu lernen, da es für sein berufliches Fortkommen Voraussetzung ist.

Da es in Bregenz, wo ich aufgewachsen bin, eine Südtirolersiedlung gibt, und auch mein Lateinprofessor beinahe keine Stunde ausfallen ließ, in der nicht Südtirol und das Selbstbestimmungsrecht seiner Bewohner Thema war, hat mich schon in Jugendtagen die Frage beschäftigt, warum sich Tiroler in Vorarlberg ansiedeln, und sich die „Bumser“ oder Puschtrabuabn, wie man je nach Blickwinkel – die Attentäter oder Freiheitskämpfer jener fernen Jahre verniedlichend nannte, solcher Beliebtheit erfreuen. Da wir im Geschichtsunterricht nur bis zum 1.Weltkrieg kamen – vermutlich der persönlichen Verstrickungen unserer Professoren wegen – , und sich die Generation unserer Eltern ins Schweigen geflüchtet hatte, erfuhr ich erst etliche Jahre später lesend, dass es da zweimal einen Deal gegeben hatte. Einmal 1915, als Italien mit Frankreich und Großbritannien das „Londoner Geheimabkommen“ traf und Südtirol, das Trentino und Triest zugesprochen bekam, wenn es den Mittelmächten den Krieg erklärt, und das zweite Mal mit dem „Optionsabkommen“ 1939 zwischen Hitler und Duce, der schon 1922 mit der Italianisierung Südtirols begonnen hatte.
Vincenz erteilt mir lebendigen Geschichtsunterricht und erzählt, dass seine Kusinen mit ihren Männern es damals wie 80.000 andere (die Zahlen schwanken) vorgezogen haben, ihre Heimat zu verlassen, um in der eben von Hitlerdeutschland besetzten Tschechei als Reichsbürger ihr Glück zu versuchen. Schnell mussten sie erkennen, dass sie vom Regen in die Traufe geraten waren. Die Männer wurden zum Wehrdienst eingezogen, und die nach Böhmen umgesiedelten SüdtirolerInnen wieder von den besetzten Höfen vertrieben, Mussolini bei der Flucht aufgegriffen und mit dem Kopf nach unten aufgehängt, Südtirol vorübergehend deutsches Protektorat und nach dem Sieg der Alliierten wieder Italien zugeschlagen. 50.000 sogenannte Optanten kehrten in ihre Heimat zurück, in der sie von den Dagebliebenen nicht immer mit offenen Armen empfangen wurden, wie sich aufgrund der neuen Besitzverhältnisse auf den Höfen leicht nachvollziehen lässt. Wieder mussten sie von Vorne beginnen.

Vincenz schaut ins Tal hinunter, das von den Wolken bald verschluckt werden wird, und erinnert an die Zeit, in der es kaum Arbeit gegeben hat für die kinderreichen Bauernfamilien und viele aus den umliegenden Dörfern über unkonbtrollierte Pässe Fahrräder, Nähmaschinen, Wein und Zigaretten geschmuggelt haben. Dann meint er mit einer wegwerfenden Handbewegung abschließend seine Lebensphilosophie verratend: „All’s goht ummer“, was ich für mich als gelernter Vorarlberger mit „Es geht alles vorbei!“ übersetze. Er hat mit 30 beim Böllern auf einer Hochzeit das rechte Bein verloren und sich in Kufstein bei einem Sattler eine Prothese machen lassen. Ein Bauer mit Prothese, ein wörtlich zu nehmendes Klotz am Bein. Er aber hat damit zu leben gelernt, ist mit vielen kiloschweren Salzblöcken hinauf auf die Alm und war noch mit 70 auf dem Kreuzkofel, von dem wir eben vollkommen erschlagen zurück gekommen sind.  Jetzt schaut er auf sein Leben zurück und fragt sich, wie er und seine verstorbene Frau das geschafft haben, 6 Kinder groß zu ziehen mit nichts als ihrer Hände Arbeit und einem kaputten Fuß. „Sie hätten ihn sehen sollen“, sagt sein drittjüngster Sohn, unser Gastgeber, der eben von der Arbeit kommt und sich ins Gespräch mischt, „wie er auf dem Steilhang gestanden ist und mit der Sense die abschüssigen Bergwiesen gemäht hat. An den Rändern war das und ist auch heute nur mit der Sichel möglich.“ Wer das heute macht, wollen wir wissen. „Ja, das ist und wird ein immer größeres Problem. 100 Milchbauern haben allein im letzten Jahr aufgegeben. Es rentiert sich nicht mehr.“ Wer aber dafür sorgen wird, dass die Kulturlandschaft auch in Zukunft intakt bleibt, wenn die Bergbauern die Bewirtschaftung ihrer Höfe aufgeben, weiß er auch nicht. „All’s goht ummer!“: Nicht immer eine tröstliche Perspektive.