Eben behauptet meine Mutter ich litte unter Demenz, denn sie könne sich noch ganz genau erinnern, auch wenn sie das Jahr nicht mehr wisse, dass wir zusammen in Berlin gewesen seien. Jedenfalls müsse es lange vor dem Mauerfall gewesen sein, zu einer Zeit, als es in Berlin noch eine sowjetische Zone gegeben habe, denn in Berlin Tegel angekommen, hätte sie ein russischer Zöllner gefragt, ob sie was zu verzollen habe. „Nur mein spitzes Mundwerk“ soll sie geantwortet haben, woraufhin ich ihr auf die Zehen gestiegen sei, weil ich befürchtet hätte, dass er uns der frechen Antwort wegen aufs Revier mitnehmen und dann in den Gulag stecken würde. Ich habe sie daran erinnern wollen, dass es zwar in Berlin ganz sicher einmal im und nach dem Krieg eine russische Zone gegeben hätte, ich aber zu dieser Zeit mich gerade  aufzurichten und ein paar Schritte zu gehen, aber so noch nicht zu sprechen gelernt hätte. Das ließ sie aber nicht gelten, denn sie sei – und daran erinnere sie sich noch, als wäre es gestern gewesen, mit mir in einer Antonow gesessen; sogar daran könne sie sich noch erinnern, was ich auch als einen Beweis dafür ansehen solle, dass dieser Flug tatsächlich stattgefunden habe, weil ihr im realen Leben Namen von Firmen vollkommen gleichgültig seien und sie einen Mercedes Benz nicht von einem anderen Auto unterscheiden könne, weil dieser Name für sie ein Synonym für Auto schlechthin sei, was sie so zwar nicht gesagt hat, aber so ähnlich.

Sie  hätte in besagter Antonow einen Fensterplatz gehabt, und wir seien an einem Mond vorbeigeflogen, der sei so tellergroß und zum Greifen nah gewesen, wie man das sonst nur aus Filmen kenne. Sie wisse schon, dass es nicht um die Zeit gewesen sein könne, als der berühmte amerikanische Pilot die zu Weihnachten von ihm selbst gebastelten Fallschirme aus Taschentüchern, an denen Zuckerln befestigt waren, über Westberlin abgeworfen habe, an dessen Name, der aber damals in aller Munde gewesen sei, sie sich aber beim besten Willen nicht mehr erinnern könne, obwohl das weit Zurückliegende von ihr besser erinnert werde als das Tagesgeschehen gestern, was der Altersdemenz geschuldet sei und erinnerte mich daran, dass sie ja immerhin schon stolze 90 Jahre auf dem Buckel habe.

Aber so etwas wie der Riesenmond müsse sich doch auch in mein Gedächtnis eingebrannt haben. „Jammerschade, dass es dich jetzt schon so im Stich lässt“, hat sie gemeint, und wie um mich zu beschämen, was ihr damit auch gründlich gelungen war, ist ihr der Name dieses Rosinenbomberpiloten wieder eingefallen: Halverson habe er geheißen. Während ich den Namen im Internet suche und schnell fündig werde, erzählt sie, dass er damals viele Heiratsanträge erhalten habe und auch sie ihn vom Fleck weg geheiratet hätte. Dann würde ich jetzt in Amerika leben und hätt‘ heute keine anderen Sorgen als die um meine selbst gezüchteten Rosen irgendwo in Florida oder sonst wo. Der müsse jetzt auch schon ziemlich alt sein, wenn er überhaupt noch lebe, fügte sie nachdenklich hinzu. Aber ob es ein besseres Leben gewesen wäre, darüber nachzugrübeln bringe gar nichts, weil sie nun einmal dieses Leben gehabt und gelebt hätte. Jetzt jedenfalls brauche sie keinen Mann mehr. Der, der ihr davon gelaufen sei wie das Würstel vom Kraut, – sie  meine meinen Vater – , und hat mich dabei angeschaut, als würde sie gewohnten Widerspruch erwarten -, der habe ihr gereicht.

Um sie auf andere Gedanken zu bringen, habe ich ihr eine Wette vorgeschlagen. Eine Flasche Wein für den, der Recht behielte. „Aber einen guten, einen Tokaier“, hat sie gesagt und gelacht.„Der gehört schon mir!“, hat sie gemeint, und den verloren gegangenen Faden wieder aufgegriffen. Sie nämlich wisse noch genau, dass es ihr erster Flug gewesen sei; ein Flug, den sie ohne Begleitung gar nicht angetreten hätte, und außerdem habe das Flugzeug selbst – von außen betrachtet – keinen günstigen Eindruck auf sie gemacht und auch drinnen hätte es jeden Komfort vermissen lassen, den sie bei späteren Flügen dann auch doppelt genossen habe. Den Flug habe uns meine Cousine bezahlt, die zu dieser Zeit mit ihrem Freund in Berlin gelebt habe, eine Behauptung, für die der Konjunktiv unangebracht sei, da es sich dabei um eine Feststellung handele. Aber auch, dass es ein Billigflug gewesen sei, könne ich nicht anzweifeln, obwohl es zu besagter Zeit  noch keine Dumpingpreise bei den Fluglinien gegeben haben könne. Was immer man damals unter Billigflug verstanden haben möge, ich müsse doch zugeben, dass sie  sich selbst nie einen Flug  hätte leisten  können und ihn nur deshalb mit mir unternommen hätte – und zwar mit mir und mit niemandem sonst, – die Wette gelte ja hoffentlich noch -,  weil ihn meine Cousine bezahlt habe, die ja schon immer eine Schnäppchenjägerin gewesen sei, was doch auch mir nicht entgangen sein dürfe.

 

Wir hätten von Berlin nichts gesehen, weil wir schon am nächsten Tag wieder nach Wien geflogen seien und wenn ich jetzt noch immer behaupten wolle, dass sie das geträumt oder erfunden  habe, dann tue ich ihr leid, denn dann sei es um mein Gedächtnis weniger gut bestellt wie um ihres, obwohl sie schon über 90 Jahre alt sei. Das würde sich auch bald herausstellen, ob sie das alles nur geträumt habe, da sie gleich heute noch meine Cousine in Südafrika anrufen würde, obwohl es um das Geld schade sei, da sie dieses Telefonat wohl ebenso viel kosten würde, wie die Flasche Tokaier, um die wir gewettet hätten. Daraufhin hat sie einen Stift zum Schreiben verlangt und ein Blatt Papier und hat darauf zu rechnen begonnen. Sie hat ihr Geburtsdatum aufgeschrieben und meine drei Hochzeiten und die Jahre, in denen ihre Enkel geboren worden sind, aber auch geschichtliche Daten, wie die Rede vom Kanzler Figl, in welcher er das Ende der Besatzungszeit in Österreich verkündet hat, und auch die Mondlandung hat sie dabei nicht vergessen und den Mord an Kennedy, ein Ereignis, an das ich mich doch sicherlich noch erinnern könne, weil wir damals alle wie gebannt um das Radio gesessen seien, weil einen Fernseher hätten wir damals uns nicht leisten können.

Nach einiger Zeit aber hat sie es aufgegeben, weil sie bei ihren Aufzeichnungen, auf keinen grünen Zweig gekommen ist. Irgendwann hat sie es aufgegeben. Am nächsten Tag aber ist sie mit einer Ansichtskarte gekommen und hat gefragt, ob ich den Tokaier schon gekauft und kühl gestellt hätte, weil sie halte nun den Beweis in Händen. Über diese Karte hätte sich der Briefträger beschwert, weil sie an eine Katze adressiert gewesen sei, aber ich solle selbst lesen. Tatsächlich. Die Karte zeigt das Brandenburger Tor und auch der Stempel mit der Briefmarke aus Deutschland ist noch mit Datum zu lesen: An Malvabärle, Michael Geißmayrstraße 96, 6900 Bregenz. Liebes Malvabärle. Ich hoffe es geht dir gut und dein Herrchen vergisst nicht dich rechtzeitig zu füttern. Und pass ja auf dich auf. Die Straße ist gefährlich. Ich wäre sehr traurig, wenn dir etwas passiert, und ich komme zurück und du bist nicht mehr da. Also pass auf dich auf und lass mir dein Herrchen lieb grüßen.

Und drunter auch meine Unterschrift. Die kann sie nicht gefälscht haben. Das tut sie nicht. Das könnte sie auch nicht. Außerdem mit Füllfeder geschrieben. Jetzt ist es an mir klein beizugeben und mir zu überlegen, ob ich nicht um ein MRT ansuchen soll. Wer hat die Daten auf meiner Festplatte gelöscht?

„Ich hab’s dir gesagt, dass ich Recht hab, aber wer glaubt schon einer Frau, die über 90 ist. Prost“, sagt sie und kostet ihren Triumph.