Ich habe schon viele Definitionen für Glück gelesen und gehört. Die schönste fand ich gestern in einem Buch von Elke Heidenreich: „Glück ist wie die Sonne auf einer Hoteltapete.“ Für mich heißt das, dass man es auch dort finden kann, wo man es nie vermutet hat, und nicht nur das: Man findet es zufällig oder es findet dich, wenn du es zulässt. Ich habe solche Momente an diesem Wochenende in der Südsteiermark erlebt, auch, weil ich sie vielleicht als solche erst gar nicht begriffen habe, sondern überwältigt von hügelsäumenden Weinbergen und einem Licht, wie man es nur im Herbst antreffen kann, mit meinen Gedanken weder in der Zukunft noch in der Vergangenheit war, sondern mich ganz den Augenblicken hingeben konnte.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Ganz ohne Internetbuchung sich ziellos auf den Weg machen und sich auf dem Weg für ein Ziel entscheiden, das am Weg liegt, aber nur über Umwege erreichbar ist. Wem die Toscana zu weit ist,  aber in den Süden will und in ein Rebenland, das Erinnerungen an Italien heraufbeschwören kann, der wird die steirische Weinstraße wählen: Eine Gegend, in der – wie fast überall, wo Wein angebaut wird – schon seit Jahrhunderten Kulturlandschaften entstanden, die von der Globalisierung bis heute verschont geblieben sind. Wenn es stimmt, dass nach dem Versiegen der Ölquellen friedlichere Zeiten anbrechen und die Regionen, somit das Regionale an Bedeutung gewinnen werden, dann findet man diese Zukunft hier an der Grenze zu Slowenien  mit seinen seit vielen Generationen bewirtschafteten  Streuhöfen vorweggenommen.

Mittagessen im Freien und das am 6. November am Hauptplatz mit seiner im Rokokostil erbauten Wallfahrtskirche in Ehrenhausen, dem Tor zur Weinstraße. Eine Stiege führt hinauf zum Mausoleum, das als Hauptwerk des manieristischen Stils in Österreich gilt. Zwei verwegen dreinblickende, überdimensionierte – und nach unserem Gefühl – falsch proportionierte Wächter, angeblich Brüder, scheinen das Grabmal vor Übergriffen schützen zu wollen. Gegen die Zeit, die den Putz selbst von der mächtigen Keule abbröckeln lässt, die einer der beiden geschultert hat, sind sie machtlos.

Wo immer wir hinkommen: Die Menschen sind freundlich und haben alle Zeit für ein Schwätzchen. Hast du gewusst, was eine Saftwaage ist? Auf den Zweigen von Obstbäumen eines kleinen Hofes mit 0,5 ha großem Land, der sich auf Schnäpse spezialisiert hat, hängen Metallstücke. Wir erfahren, dass sie nicht etwa der Vögel wegen angebracht sind, sondern die Zweige daran hindern sollen in die Höhe zu schießen, was den Ertrag mindert. Um die Vögel zu vertreiben gibt es die klappernden Windräder mit den 8-flügeligen Schlagbrettern, deren Ruder aus Zweigen besteht, wie man sie früher zu Besen gebunden hat. In diese greift der Wind und bringt die Welle von  Klöppeln in Bewegung. Sie heißen Klapotetz, was aus dem Slowenischen kommt. Es werde immer schwieriger Erntehelfer zu finden, da die Slowenen mittlerweile gut verdienen und auf diese Arbeit nicht mehr angewiesen seien. Außerdem gäbe es immer strengere Kontrollen.

Auf den Hügelkuppen liebevoll adaptierte Bauernhäuser, Streuhöfe und Buschenschänke. Wir finden eine traumhaft schöne Unterkunft. Stein und Holz. Ein Zimmer mit einem Ofen, der für uns angeheizt wird, während wir die Gegend erkunden wollen.

Durch Hagel und Verrieselung hat die Weinernte 2009 so gelitten, dass wir erst beim dritten Hof einen Bauer finden, der abgelagerten Wein feilbietet. In einer Talsenke kehren wir nach einem längeren Fußmarsch in einem Buschenschank ein. Am Nebentisch spielt ein altes Ehepaar schweigsam und verbissen Karten. Wortlos werden die Karten gemischt, wortlos werden sie ausgespielt. Ich habe mich für Presswurst mit steirischem Kernöl entschieden und bekomme einen riesigen Teller mit zwei roten eher dünn geschnittenen Scheiben, vielen Zwiebelringen und viel Kernöl. Wir sitzen und essen und reden. Die Kellnerin hat schon abgedeckt  und bringt noch einen Grauburgunder, das alte Ehepaar spielt noch immer wortlos. Plötzlich höre ich den Alten kichern. Die mit dem Rücken zu uns sitzende Frau grummelt. Ich frage den Mann, dem ein triumphierendes, fast schadenfrohes Lächeln über das Gesicht huscht, das er gleichzeitig aber nicht so offen zur Schau tragen will, um seine Spielpartnerin nicht noch mehr zu verärgern, ob er gewonnen habe. Er nickt spitzbübisch. Daraufhin die Frau: Brauchst gar net so blöd lochn. Jetzt brechen wir alle, auch die Wirtin hinter der Schank,  in schallendes Gelächter aus. Ein verständnisinniger Augenblick. Ja, Glück ist wie die Sonne auf einer Hoteltapete.

Selbst das Spiel mit unserem  Schatten und dem eines Baumes  auf einer mit Sumpfkalk und mit Siena fast frescogemalten Hauswand kann besagte Hoteltapete sinnlich ersetzen. Ein ausgeräumtes leerstehendes Bauernhaus, auf dessen Wänden sich die letzten  Strahlen der Abendsonne wie ermattet ausruhen und eine Bühne schaffen für einen aus einer  Tapete wachsenden oder sich hinter ihr versteckenden Darsteller:  Zitat auf Francesca Woodman’s Fotografie house #3

Eine Stehlampe, ein Lesestuhl, ein Ofen, der vor sich hinböllert. Wir lesen. Ich blättere mich durch die Zeit. Ich habe Zeit für die ZEIT. Und dann noch ein Buch von Elke Heidenreich, das zum Lesen einladend auf dem Beistelltischchen wartete. Ein Buch, in dem ich den Satz finde: „Das Glück ist wie die Sonne auf einer Hoteltapete.“ Auf solche zum Nachdenken anregende Sätze zu stoßen ist eben definiertes Glück.  Am Morgen wird uns das Frühstück serviert. Selbstgebackenes, ofenwarmes Brot, Schinken und Käse. Selbst gemachte Marmelade. Kaffee aus Keramik, die ebenso von den Besitzern hergestellt wurde wie der Blumenfries aus  Kacheln in Bad und Klo.
Südsteiermark: Was für eine Landschaft. Soviel Kulisse. Soviel Projektionsraum für glückhafte Momente. Sonne auf einer Hoteltapete eben.