How does it feel, if nothing seems real?

Vielleicht haben sich manche Leser gefragt, warum ich, der ich doch sonst kaum einen Tag meiner Reise ausließ, um euch meine Eindrücke von „lovely“ Texas zu schildern, seit mehr als einer Woche nichts mehr von mir hören und  lesen lasse. Nun: Ich bin mit meinen Recherchen bis in eine Zelle eines county-jail in Refugio vorgedrungen.  Jetzt – nach 7 albtraumhaften Tagen – will ich das Interview mit meiner Rechtsanwältin ergänzen, welches über die mir widerfahrene Willkür Zeugnis ablegt,  indem ich das Geschehene aus meiner Sicht und nach gewonnenem Abstand launisch verschrifte.

Am Mittwoch, den 23.9. war ich schon sehr früh unterwegs von Corpus Christi über Houston Richtung Lafayette in Louisiana, und es versprach eine, wenn auch anstrengende, so doch angenehme Reise zu werden, zumal es zu regnen aufgehört hatte und sogar das Navi wieder zu funktionieren und auch mein weiblicher Guide, der mich über nunmehr mehr als 2000 zurückgelegten miles mit Verkehrshinweisen unterhalten hatte, gut aufgelegt schien. Kaum 60 Meilen auf dem Highway 77 gefahren, sah ich ein Polizeiauto des DPS, hinter einem anderen Auto her fahren. Ich dachte mir, dass es wohl besser sei, nicht zu überholen – die „Don’t mess with Texas!“- Schilder im Kopf, die entlang der Highways aufgepflanzt sind – und reihe mich zwischen Polizei und dem anderen Autolenker vor mir ein. Das hätte ich besser unterlassen. Der nämlich, so glaubte ich, würde schon wissen, wie man sich zu verhalten habe. So fuhren wir etliche Meilen mit erheblich reduzierter Geschwindigkeit dahin, bis das eingeschaltete Blaulicht der Polizei hinter mir mich immer nervöser werden ließ: „Was habe ich falsch gemacht? Ich war weder zu schnell, noch habe ich eine rote Ampel überfahren, noch irgendeine mir bewusste Verkehrsübertretung begangen, also kann ich nicht gemeint sein. Außerdem wird er mich schon zum Anhalten anleiten, indem er mich – wie in Europa üblich – überholt und mir ein Zeichen gibt.“ Falsch gedacht. Auch der US-Bürger, dem ja die Polizei schon vor mir gefolgt war, schien es nicht besser zu wissen. Jedenfalls schoss nach etlichen Meilen ein anderes DPS-Auto an mir vorbei und winkte mich auf den Randstreifen, der hier shoulder heißt, was anschließend für zu noch mehr Verwirrung meinerseits beitragen sollte. Endlich das erwartete Zeichen rechts auf den Pannenstreifen zu fahren.

Was dann geschah, habe ich nur noch wie eine Traumsequenz in Erinnerung, doch kennen wir alle aus Filmen, wie die guten Cops die bösen Schurken jagen und showdownmäßig endlich stellen. Genau das geschieht jetzt und ist leider kein Film, sondern spielt sich in Echtzeit, in real time ab.

Ich wünsche niemandem in meiner Haut gesteckt zu haben, obwohl ein einmalig erlebter Rollentausch den Officers des DPS nicht schaden würde. Jetzt ist das gegurgelte Tex-Mex-Spanglish der urbanen Bevölkerung selbst für US-citizen aus dem Sunbelt nur schwer zu verstehen, aber die staccatoartig gebellten Befehle waren es für mich, dem mit den einzuhaltenden Regeln im Verkehr mit Polizisten uneingeweihten Touristen, noch viel weniger. Wie ein Frosch hopse ich also auf den Knien über den Beton und versuche den Cop zu beschwichtigen, immer wieder „I am Austrian. I am a Tourist“ rufend, während er die Pistole im Anschlag mir zeigen wollte, wo Bartl, alias David Poland von der State Department Police in South Texas den Most holt. „Down to the shoulder!“ Was, verdammt, meint er damit? Meine Verrenkungen hätten wohl jeden anderen Cop resignieren und ihn denken lassen, dass er es hier mit einem Vollidioten zu tun hat. Nicht so dieser. Irgendwann muss ich begriffen haben, dass die Bauchlage auf dem Beton die vorgeschriebene Position angesichts eines gelben Tasers sein muss, von dem ich weiß, dass er bis zu 50.000 Volt durch den Körper jagen kann, und nun an meine Schläfe gerichtet war. Shoulder also darf nicht mit Rücken übersetzt werden, sondern meint hier den Pannenstreifen. Ab nun hatte ich öfter Gelegenheit, meine Englisch-kenntnisse aufzubessern. Zuerst noch hieß es „Hands up“, jetzt „Hands on back“. Jetzt was? „I am austrian. Nothing but a traveller. What did I do?“, schreie ich, während er damit beschäftigt ist, meine Hände auf dem Rücken kurz zu schließen. „Shut up!“ bellt er genauso oft, wie ich meinen Standardsatz wiederhole. Dann führt er mich zu seinem mit high-technology (Computer, Radar, Funk …) bestens ausgerüsteten Wagen, indem ich nun auf den Handschellen sitzend eine Stunde warte, ihm fassungslos zuschaue, wie er meine Habseligkeiten auseinander nimmt, wobei das H4-Zoom bei ihm höchste Verwirrung und Alarmstufe auslöst. Vermutlich hält er das Aufnahmegerät für eine bislang ihm noch unbekannte, aber äußerst gefährliche Waffe in diesem waffennarrischen Land, bis endlich der Abschleppdienst kommt, er das H4-Zoom in das Auto wirft, als könnte das Ding doch noch losgehen, und vor meinen ungläubigen Augen der von Alamo gemietete Wagen abgeschleppt wird.
Er dürfte ein Anhänger der country Musik sein, da ich neben dem Funkrauschen und dem unverständlichen Kauderwelsch, mit dem sich die DPS – Cops auf den Highways austauschen, mit larmoyanten Songs berieselt werde, und will mich mit ihm, – die Realität völlig verkennend -, darüber austauschen, was er nun weiter mit mir zu tun beabsichtige, wo ihm doch jetzt nach all seinen Observierungen klar sein müsse, dass ich weder ein Terrorist, noch ein Drugdealer bin, sondern lediglich ein … als ich im Radio – wie von einem mit mir solidarischem Anrufer bestellt –  die Nummer höre: „How does it feel, if nothing seems real…?“ Er scheint an keinem Gespräch mit mir interessiert, sondern schneidet mir noch immer mit gebellten Shut up’s das Wort ab.  Nach einigen Meilen und ausgesöhnt mit meinem resigniertem Schweigen, befreit er mich endlich von allen Zweifeln und macht klar: „I’ll put you in jail, thats what’s gonna’ happen with you!“

Was folgt, nur kurz: Übernahme im Gefängnis. Endlich befreit von den ins Fleisch schneidenden Handschellen, wird mir alles, was ich in meiner Hosentasche mitführe, abgenommen und eine Seife ausgehändigt, mit der ich mich duschen soll. Dann bekomme ich eine auf meine Körpergröße nicht abgestimmte, schwarz-grau gestreifte Häftlings-kleidung, in der ich mich gerne selbst fotografiert hätte, was aber die Wärter nach langwierigen Augenscans, Finger- und Handkantenprints und Aufnahme meiner Daten – ab jetzt fälschlicherweise als „Helmut Österreicher“ in der nationalen Datenbank der homeland security geführt, selbst übernehmen. Kein gutes Foto übrigens. Ein richtiges Gangsterfoto. Mein Protest aber bleibt ungehört, wie überhaupt alles, wonach ich verlange, sei es ein Telefongespräch nach draußen oder die Aushändigung meiner Tabletten, die sich noch im Auto befinden.

Ich werde besorgt befragt, ob ich irgendwelche Allergien oder Krankheiten hätte, zu Depressionen neige, schon einmal einen Selbstmordversuch unternommen habe, oder schon einmal in einer psychiatrischen Anstalt in Gewahrsam genommen worden sei: alles Fragen, die ich reflexartig und instinktiv mit Nein beantworte, weil ein Ja möglicherweise Schlimmeres zur Folge haben könnte. Hinter mir – ich muss in einem Stuhl mit Gurten für renitente Inhaftierte Platz nehmen – eine rostbraun gestrichene Eisentür, auf der „Detention“ drauf steht. Dort will ich nicht hinein.

Kaum habe ich diese Prüfung gemeistert, werde ich – vermutlich zur Desinfektion – in den Duschraum geführt, wo mir einer der Wacheschiebenden Beamten eine Seife aushändigt und mich auffordert, eine Dusche zu nehmen. Die Dusche ist nicht etwa eine abgeteilter Raum mit einer Duschwand oder einem Duschvorhang, nein, es ist eine simple Duschtasse, und der Beamte schaut mir zu, als wären wir Kollegen in einem Sportverein.  Jetzt hat sich die Filmrolle endgültig ausgespult, und ich bin in der nackten Realität angekommen: Ich darf meine Buntwäsche gegen schwarz-weiß-gestreifte Häftlingskleidung tauschen. Ich glaube, das war der Zeitpunkt, wo ich’s nicht mehr lustig fand, was da mit mir geschah. Obwohl…

In der „Holding 1“, einer schmucklos eingerichteten Zelle mit Stahlpritsche als einzigem Inventar und einem Klo, das durch eine Trennwand in Brusthöhe abgeteilt ist, einer schweren Eisentür mit einem Sichtfenster und einer siebartig durchlöcherten Gegensprechanlage, einem im gegenüberliegenden Eck der Zellendecke angebrachten blau funkelnden Kameraauge, das keinen toten Winkel zulässt, finde ich mich mit dem Autolenker wieder, der – so meine einzige Rechtfertigung – auf dem Highway 77 auch nicht wusste, wie er sich zu verhalten hatte, obwohl er – zwar aus Nevada kommend, aber immerhin seit Jahren als pharmazeutischer Assistent in einem Spital in Corpus Christi tätig, mit den hier herrschenden Regeln hätte vertraut sein müssen.

Da saß ich nun – er ohne stripes, ich mit – im county-jail einer cowtown namens Refugio, was aus dem Lateinischen übersetzt so viel wie Ort des Rückzugs oder der Besinnung heißt. Super. Um Refugios werde ich in Zukunft einen großen Bogen schlagen. Zurückziehen hätte ich mich am Abend in einem Motel 6 auch können. Nicht unbedingt das Abenteuer, das ich gesucht hatte. Mein Zellengenosse oder Mithäftling ist so fertig, dass er – traumatisiert und kaum ansprechbar -, ständig  nach Luft ringt, und ich mit ihm Atemübungen mache.  Er kann es

genauso wenig fassen wie ich, dass wir – er auf dem Weg zu seiner Braut in Houston, ich in Richtung Lousiana unterwegs – jetzt hier buchstäblich fest sitzen. Locked up. Screwed over. „What the hell” haben wir verbrochen?“ Das sollten wir allerdings erst am späten Abend erfahren. Ihn aufzuheitern beginne ich – wie ich es aus den Filmen mit in Gefangenschaft geratenen Helden wie Sylvester Stallone oder Bruce Willis wusste -, wie ein Boxer in der Zelle herum zu tänzeln, um ihm zu zeigen, wie man sich unter diesen Bedingungen fit hält. Noch war ich ungebrochen und voll des naiven Glaubens, dass sich alles schnell als ein Irrtum herausstellen wird, und wir – mit Worten großen Bedauerns – aus der Haft entlassen werden.

Erst als die Richterin erschien, um mich über die begangene Untat aufzuklären, ist mir mein letzter Rest von Humor, der sich an dem irrealen und absurden Geschehen abarbeiten wollte, vergangen. „How does it feel, if nothing seems real, yeah…“ Ich werde wegen „avaiding arrest (Widerstands gegen die Staatsgewalt)“, was hier als „felony“, als schweres Verbrechen gilt, angeklagt. Mein Wortschatz reicht allerdings nicht aus, um genau zu verstehen, was “felony” bedeutet. Die Kaution für meine Haftentlassung ist auf 5000 Dollar, der erste Gerichtstermin auf den 18.September festgesetzt: drei Tage also nach meinem gebuchten Flug zurück nach Wien. Keine Erklärungen, keine Informationen, vor allem keine Diskussion, nur ein Haufen Papier, das ich blind unterschreibe, weil ich ohnehin nicht verstehe, was die Richterin von mir will.

Als die schwere Eisentür wieder mit Getöse ins Schloss fällt, und ich allein bin, auf der Bank aus kaltem Stahl Platz nehme und auf die mit Graffiti beschmierte Zellenwand schaue, auf dem Boden Kakerlaken herum wieseln, – erst jetzt weiß ich mit Bestimmtheit, dass ich nicht träume und ich nicht aus mir bis dahin noch unerklärlichen Gründen in ein low-budget-roadmovie mit ungewissem Ausgang geraten bin.

Der pharmazeutische Assistent kommt – bleich im Gesicht und vollkommen aufgelöst – in die Zelle zurück, greift wortlos nach dem an der Wand angebrachten Telefonhörer, wählt eine der 3 dort ausgehängten Nummern, sagt wie ein Mantra nur „okay, okay, okay“, hängt erleichtert auf und meint, er käme mit 800 Dollar bail bond frei. „What the fuck is a bail, what the hell means bond?” Ich bedaure, vor Antritt der Reise keinen Schnellkurs in Englisch genommen zu haben, der mich in die Terminologie des Gefängnis- und Justizwesens in US eingeführt hätte. Von ihm erfahre ich, dass – nachdem der Bond, d.h. die Kaution vom Richter festgesetzt worden ist, draußen private Agenturen darauf warten, von Insassen angerufen zu werden, um die Summe abzusprechen, mit denen sie bereit sind, sie aus dem Gefängnis zu bringen.

Also nichts wie anrufen. Eine Frauenstimme meldet sich, fragt mich nach der Höhe meines Bonds und verspricht mir, auch mich gegen die gleiche Summe aus dem Gefängnis zu hauen, doch will sie den Pincode meiner Kreditkarte wissen. Das macht mich stutzig und ich sage, dass ich nicht wisse, wer sie sei, sie aber mit dem Pincode Zugriff auf meine Visa habe und jede Summe abheben könne, die ihr beliebt. Dieser – wie mir schien – berechtigte Einwand, hat zur fatalen Folge, dass einfach aufgehängt wird, und ich bis zum nächsten Tag nichts mehr von draußen hören würde.

Mein Mithäftling kommt nach weiteren 3 Stunden zwischen Bangen und Hoffen – mittlerweile muss es Nacht geworden sein –   endlich frei. Die Leitungen der bail bond agencys bleiben tot. Durch das Siebloch in der Eisentür versuche ich Kontakt mit einem der Wärter aufzunehmen und bitte um eine Decke, da ich – zuerst noch taub für Temperatur-wahrnehmungen –  friere. Ich werde in Holding 2 überführt.

Dort schnarcht ein vom Kopf bis zu den Zehen tätowierter Häftling, der mit seinen Piercings zum Fürchten aussieht, und sicherlich auf freier Wildbahn auch gefährlich ist, da er, wie er mir später – aufgetaut durch meine Spanischkenntnisse – freimütig erzählt, schon 10 Jahre in Gefängnissen verbracht zu haben, diesmal aber nur wegen Haschischkonsums während des Fahrens verhaftet worden sei. Ein disdiminor. Ein was? Ein class B disdiminor: Ein geringfügiges Delikt. Sein Bail: 300 $, die er aber nicht aufbringen kann. Wieder so ein Wort, das ich in meinen Sprachschatz aufnehmen muss. Darüber hinaus bekennt er ganz offen, zu den Tango Blast’s zu gehören, eine in Houston operierende Street- und Prison-Gang, die zum Drogenkartell gehört, von dessen Existenz ich in Nuevo Laredo, einer mexikanischen Grenzstadt am Rio Bravo, nur im Flüsterton Kenntnis erhalten habe: den berüchtigten Los Zetas.

„Na, gute Nacht“, denke ich, „da bin ich ja genau richtig, um vor Ort zu recherchieren.“ Schade, dass ich mein H4-Zoom jetzt nicht habe. Wäre eine tolle Story gewesen.

Jetzt aber erzähle ich meine, die sich zunehmend in einen unglaublichen Alb verwandelt. Da in der Zelle Tag und Nacht ein grelles Neonlicht brennt, verliere ich bald die Orientierung in der Zeit. Ich weiß nicht, ob es noch immer Nacht oder schon wieder Tag ist, der Tätowierte schnarcht, als wäre er daheim – und auch ich muss vor lauter Erschöpfung in einen Sekundenschlaf gefallen sein, obwohl ich mir geschworen hatte, kein Auge zuzumachen – als mein Knastbruder aus Matamoros, einer berüchtigten Grenzstadt am Rio Bravo unten am Golf, – mich wachrüttelt. „Jetzt ist es um mich geschehen“, denke ich, aber dann fragt er, als wäre er ein zwölfjähriges Kind, ob ich auch glaube, dass am 12.12.2012 die Welt unterginge, wie es der aztekische Kalender versprochen hat. Da ist er an den Richtigen geraten. Ich versichere ihm, dass es schon öfter solche Prophezeiungen gegeben habe – und hole nicht nur bis zu Nostradamus aus, sondern schlage als Germanist einen weiten Bogen, ihm Zeilen aus Wiener Couplets zum Besten gebend: vom Lieben Augustin, über Nestroy’s Kometen- und Ferdinand Raimund’s Hobellied. Ich selbst komme ja aus einer Stadt, in der die Einwohner sich aus der Summe in leidvoller Geschichte gewonnenen Erfahrung mit „Es kumt eh der Komet“ über allerlei Unbill hinweg trösten und sich gerne in ihr Schicksal begeben. Ein Bild für Götter. Da sitzen wir auf der Pritschenkante einer Zelle in einem county jail in South Texas, er ein Mitglied einer Streetgang in Houston und ich ein pensionierter Lehrer aus Wien, der seinen Beruf nicht vergessen kann und über alle möglichen Prophezeiungen doziert, die sich allesamt nicht erfüllt haben, während er frierend, – die Hände zwischen den Oberschenkeln wärmend -, wie ein braver Oberschüler meinen Ausführungen lauscht, die ihn sichtlich beruhigt haben dürfen. Jetzt

nämlich erzählt er mir ohne Überleitung von seinem Plan, wie wir beide in Freiheit gelangen könnten. Ich bin hellwach und ganz Ohr. Er fragt mich, ob ich 300 $ cash mit mir führe, dann sei es für ihn ein Leichtes, mein Handy mit nach draußen zu nehmen, um meinen Freund in Lubbock zu verständigen. Er würde auf mich warten, bis ich auch frei käme, mit mir nach Houston weiter fahren, mich seiner Familie vorstellen, dann den Drogenbossen von Houston, und mir die 300 wieder zurückerstatten. Das klang vernünftig und viel versprechend: Wenngleich nur ein Strohhalm, der mir auf wütender See von einem mit mir über Bord gegangenen Matrosen entgegen gehalten wurde, an dem er sich in Wirklichkeit selbst festhielt, schien er mir die einzige Hoffnung und sogar mögliche Rettung. Auch wenn er hinkt, bemühe ich diesen Vergleich, weil er das Ausmaß meiner Verzweiflung aufzeigt – die Leitungen noch immer tot und kein Ende meines Gefängnisaufenthaltes in Sicht. Kaum waren wir handelseins, würgte er ein gegurgeltes „Hey bro“ durch das Siebloch, und war mit den „Brüdern (abgekürzt für bro)“ im Geschäft.

So schnell konnte ich gar nicht schauen, war er draußen. Noch ein Anruf bei der Bail Bond Agency, der immer dann möglich scheint, wenn man von den „Bro’s“ durchgestellt wird, und der Insasse bereit, auf die Bedingungen der privaten surety agents einzugehen – meine Unterschrift, und ihm werden 300 $ und mein Handy ausgehändigt. Jetzt schien es, als ob ich nur noch auf den ersehnten Anruf warten müsse, um selbst frei zu kommen. Mein Freund würde sicherlich alle Hebel in Bewegung setzen, mich hier raus zu holen. Umso größer die Enttäuschung, als mir – wieder nach Stunden, in denen ich im Kreis gehe, mitgeteilt wird, dass mein Freund nichts für mich tun könne, weil er die erforderliche Summe nicht aufbringen kann. Wenn ich ihnen aber die Pincodes für meine Kreditkarten gäbe und mit der Summe von 6500 $ einverstanden sei, käme ich frei.

Ein nicht und nicht endenwollender Tag. Nach jetzt beinahe 44 Stunden im Loch, das Handy jetzt im Besitz des surety agents und die 300 vermutlich schon unterwegs nach Houston – hätte ich gerne selbst auf Zeit gespielt und im Wissen darum, dass nach dem aztekischen Kalender die Welt ohnehin bald untergeht, mich in Gleichgültigkeit geübt – , aber ich muss gestehen, dass mir das nicht möglich war.

Nach wieder einer beinahe schlaflosen Nacht, in der ich auf und ab gegangen war wie der Panter in Rilkes Gedicht, fragte ich meinen tätowierten Zellengenossen, wie er das ausgehalten habe 15 Jahre lang im Knast, und wie er so seelenruhig schlafen könne. Seine Antwort gab mir zu denken. Er nämlich meinte, dass das mit dem Kopf zu tun habe und damit, wie er aufgewachsen sei. Ich aber bin in einer kleinen Stadt am Bodensee aufgewachsen und nicht in Matamoros, was so viel wie Moorenkiller heißt; ein Name also, der allein schon unheilverkündend ist, und ich wollte keine Minute mehr länger als die schon 64 mal 60 in diesem Loch verbrachten, ausharren. Ich wollte den schwarz- grau gestreiften Drillich loswerden und willigte ein, ihm mein Mobilephone und die letzten 300 $ aushändigen zu lassen. Selbst jetzt in Freiheit, will ich mich dafür nicht tadeln, keine Geduld mehr aufgebracht zu haben. Es gibt Schlimmeres, aber ich war am Ende. Fix und fertig. Dabei hatte ich erst den Gefängnisaufenthalt überstanden, und war auf das, was mir noch bevorstand, gänzlich unvorbereitet.

Die diensthabenden Aufseher, alles raue, hartgesottene, in ihrer Freizeit aber sicherlich zartfühlende Texaner, auf die, wenn man Nachsicht mit ihnen üben will, die Umgebung abgefärbt hat, – die hatten ihren Spaß mit mir. Mein „Vergehen“ hatte sich schnell bei ihnen herumgesprochen, und sie hatten fast so etwas wie Mitleid mit mir. Wäre ich länger eingesessen, hätte ich sehr schnell den Status eines trusty gehabt, der sich in oranger Kleidung überall im Gebäude aufhalten und sich nützlich machen darf. Außerdem hätten sie mich zu Deutschstunden verpflichtet, da sie kurz vor meinem Abgang herausgefunden haben mussten, dass man in Australien doch nicht Englisch, sondern Deutsch spricht. Jedenfalls wurde ich, weil meine Entlassungspapiere auf den Namen Helmut Österreicher ausgestellt waren, noch eine geschlagene Stunde länger festgehalten. Eine Stunde, die sie nutzten, um die in den Lektionen mit mir gewonnenen Deutschkenntnisse beim nächsten Ausländer, der ins county Gefängnis nach Refugio gebracht werden sollte, und zufällig wieder ein Australier sein sollte, der seine Muttersprache, also deutsch spricht, anwenden zu können, Dabei schienen mir Sätze wie „Ich bin ein Bulle, Ich bin dein Knastbruder, Auf Nimmer Wiedersehen usw. besonders wichtig. Es stellte sich heraus, dass sie an der Aussprache von „Entschuldigung“, ein Wort, das mir im Umgang mit in Zukunft wieder irrtümlich eingelieferten und als Australier deutsch sprechenden Insassen besonders wichtig schien, allesamt scheiterten. Immerhin hatten wir so gegenseitig Gelegenheit unseren Wortschatz in Fremdsprachen zu erweitern. Ich wusste nun, was „avaiding arrest, felony und bail bond“ ist, und sie, dass Arschloch in ihrer Sprache good bye heißt. Diese kleine Rachenahme schien mir angemessen angesichts des Umstandes, dass es keiner von ihnen fertig gebracht hatte, mich auf die auch hierzulande und in jedem Knast üblichen Standards hinzuweisen, wie zB. nach erfolgter Einlieferung ein Gespräch nach draußen führen zu dürfen oder in den Besitz von Medikamenten zu gelangen. Beides aber wurde kategorisch abgelehnt.

Endlich in Freiheit. Ich hätte jauchzen wollen vor Freude, wäre da nicht der surety agent gewesen, ein gewisser Steve Park, seines Zeichens Biker, was auf seiner mit Stickern überkotzten Lederweste abzulesen war: „I free Bandidos from whole world“ Er zeigt mir ein rotes und ein gelbes Papier, auf dem mit amtlichem Stempel der Bond nun auf 10 000 Dollar festgelegt worden ist, weil ich – wie er meint -, ein Ausländer sei und begründete Fluchtgefahr bestehe. Er müsse für diese 10 000 gerade stehen, hätte von meiner Visa nur 3500 abbuchen können und wolle nun weitere 6500, was aber nicht hieße, dass ich dann frei sei, weil ja am 18. September der erste Gerichtstermin auf mich warte. Aber er kenne da einen guten Rechtsanwalt und wenn ich diesem auch noch 1000 gäbe, wäre die Sache für ihn erledigt. Er an meiner Stelle würde sofort zahlen und schauen, dass ich außer Landes käme. Wenn ich nicht beabsichtige, noch einmal nach Texas einzureisen, dann wäre das die beste und schnellste Lösung. Als ich – entsetzt über die neue Sachlage – Bedenken anmelde, mir mein um 10 Dollar von einem Mexikaner erstandenes Handy mit Prepaidkarte aushändigen lasse, das mich übrigens bei phonecalls mit dem Song „Jonny be good“ begrüßt, um Paul, meinen Freund im 600 Meilen entfernten Lubbock anzurufen, mahnt er mich zur Eile, da er sein Büro in wenigen Minuten schließen wolle, obwohl ein an seinem Trailer angebrachtes Schild mit rotblinkendem Schriftzug „OPEN 24/7“ etwas anderes versprach.

Nun, er hat mehrere Gefängnisinsassen im county zu betreuen, die er – auf der Suche nach Opfern – mit seiner Harley abklappert. In größeren Städten soll es – wie ich mir später habe berichten lassen – ganze Straßenzüge solcher Bonds Agenturen geben, die dort wie die Spinnen im Netz sitzen und auf ihre Beute warten. Big business.

Mein Freund, Paul, hat in der Zwischenzeit schon den Konsul in Houston kontaktiert und meint, ich solle nur ja nichts zahlen, sondern abwarten, was der Konsul dazu sagt. Da dieser aber nicht abhebt, bleibt mir nichts anderes übrig, als Steve Park, der so tut, als könne er sich gut in meine Lage versetzen, als Sicherstellung auch noch meinen Pass auszuhändigen. Seine Sekretärin bringt mich mit nichts als dem, was ich auf dem Leibe trage, in ein Best Western am Highway 77 Ortseinfahrt von Refugio, der einzigen Unterbringung mit Internetanbindung. Ein Inder an der Rezeption, der ein kaum verständliches Englisch spricht, akzeptiert meinen Führerschein als Identitätsnachweis, was ein großes Entgegenkommen darstellt, weil in Texas ohne ID oder Pass nicht einmal Zigaretten gekauft werden können.

Da sitze ich nun, und erfreue mich der wieder gewonnen Freiheit, ohne Pass und Zahnbürste, das gemietete Auto mit meinen Habseligkeiten in Weißichwo, die Brille, die Medikamente, and, what a drag, sogar die Pincodes meiner Kreditkarten preisgegeben, in einer cowtown im Nowhere zwischen Corpus Christi und Houston. Weiß mich zwar in Freiheit, in Wirklichkeit aber in einem Gefängnis so groß wie ganz Texas, dem größten Bundesstaat der USA.

Am späten Abend endlich erreiche ich den österreichischen Konsul in Houston. Er verspricht alles in seiner Macht stehende zu tun, räumt aber ein, dass selbst die Botschaft in ein laufendes Verfahren von felony nicht eingreifen könne. Er will versuchen mit Alamo, der Leihwagenfirma, Kontakt aufzunehmen, dass ich zu meinen Sachen komme, falls der Wagen noch immer in Refugio sei. Auch ich versuche, die Leihwagen-firma anzurufen, werde über zig Nummern durchgestellt, als mitten im Gespräch meine prepaid card ihren Geist aufgibt. Jetzt bin ich gänzlich abgeschnitten und kann nur noch über Mail mit meiner Lebensgefährtin und meinen Freunden in Wien kommunizieren, die über das mir angetane Unrecht genauso fassungslos sind, wie ich selbst.

Ich brauche dringend ein Ladegerät und eine neue Karte. Wo aber soll ich das auftreiben und mit welchem Geld bezahlen? Und was tue ich morgen, am Tag vier dieser nightmare? Alles Details, mit denen ich meine Geschichte ausschmücken könnte, aber mir stehen noch 5 Tage bevor, die ich in diesem Nest gefangen bleiben sollte, und ohne Hilfe von Karen, die als Rezeptionistin am Schalter des Best Western Inn für 7,25 $ die Stunde arbeitet, und mich in den Besitz einer Zahnbürste und eines von ihrem Sohn geschenkten T-shirts bringt, hätte ich weder ein Handy aufladen können, noch wäre ich zu einer neuen Prepaidkarte gekommen, noch hätte ich einen ATM-Schalter gefunden, der mir auf meine Mastercard wenigstens weitere 200 $ ausgespuckt hat. Ohne Auto nämlich ist man in den Städten von Texas ziemlich aufgeschmissen, weil es kaum einen öffentlichen Busverkehr gibt, schon gar nicht auf dem Land wie hier. Alles liegt so weit auseinander, dass man nur nach schweißtreibenden Fußmärschen in einer moskitoverseuchten Landschaft ohne Hut und Sonnenbrille, bei

tropischen Temperaturen wenigstens zu Tankstellen kommt, um Zigaretten und 7ups zu kaufen. Wie ein homeless gehe ich mit einem Nylonsack, der meine wenigen Habseligkeiten birgt, den Highway entlang, der wie überall von Drive-thru’s, Whataburgers (one god, one nation), Kentucky fried chicken- und Pizzahutbuden gesäumt ist, auf der Suche nach der Action Bail Bond Agency, um dort vielleicht Neues zu erfahren. Der surety agent ist natürlich nicht da und auch unter seiner Nummer nicht mehr erreichbar. Freitag ist, und ich stelle mich innerlich schon auf ein quälend langes Wochenende ein.

Mein Konsul rät mir am nächsten Tag – ich checke aus und wieder ein – zu einem Anwalt und erreicht nach mühseligen Telefonaten, dass mir wenigstens die Medikamente ausgehändigt werden. Der Wagen ist also noch da. Das deute ich als erstes gutes Zeichen. Vielleicht lassen sich die Dinge doch noch regeln. Er gibt mir die Nummer eines ihm bekannten Rechtsanwalts, Toni Canales mit Namen, der in Corpus Christi ein renommiertes Anwaltsbüro leitet. Ich hinterlasse ihm eine Nachricht auf Band. Einen nicht und nicht enden wollenden Vormittag, einen unerträglicher Nachmittag und eine schlaf- und sternlose Nacht lang, nichts mehr. Alle Leitungen tot.

Jetzt denke ich nur noch an Flucht. Schlimmer kann es nicht mehr kommen. Niemand mehr erreichbar, auch der Konsul nicht. „What a pain in the ass“, wie man hier sagt. „Vergiss die 3500, deinen Pass, dein Netbook, deine Kamera. Schau, dass du hier weg kommst. Schlag dich bis zur Grenze nach Nuevo Laredo durch. Geh über die Brücke, wie du es schon zwei Mal getan hast, dich wundernd, dass kein Pass verlangt worden ist,. melde ihn – einmal drüben – als verloren. Die Leute, die du dort kennen gelernt hast – es gibt ja ein casa del migrante – werden dir schon weiter helfen. Du kannst dich hier auf niemand verlassen. Die Grenze ist zwar ziemlich weit weg, und auf dem Weg dorthin gibt es etliche border controls. Irgendwie aber wirst du das schon schaffen. Hast dich doch vor 30 Jahren auch durch ganz Lateinamerika geschlagen und das – manchmal ohne einzigen Peso in der Tasche“, mache ich mir selbst Mut. No one single day longer hanging in this Loop.

Am nächsten Morgen, als meine Panik, hier vielleicht gar nicht mehr wegzukommen, den Höhepunkt erreicht hat, endlich der ersehnte Anruf des Anwalts, dass sein Partner, Frau Jo Ellen Hewins, sich der Sache annehmen, und sich bei mir melden würde, wenn er sie verständigen könne, was am Wochenende naturgemäß schwierig sei. Das sehe ich ein, und ich checke mich für weitere 75 $,wieder ein, wobei mir ein Rabatt von 10 $ gewährt wird, hänge wie ein Süchtiger vor dem Schirm, klopfe eine SOS nach der anderen in die Tasten, bis ichwieder erschöpft ins Bett falle und aus Träumen hochschrecke, in welchen ich in mir unvertrauten Gegenden herumirre und nicht mehr nach Hause finde.

Am Sonntag Abend – hätte nicht gedacht, wie drückend lang so ein Wochenende sein kann, wenn man nichts tun kann außer warten, warten und wieder nur warten -, ruft mich die Rechtsanwältin an und verspricht mir, mich da rauszuholen. Sie kenne den Staatsanwalt persönlich. Das sei ein vernünftiger Mann, mit dem man reden könne. Der würde schon ein Einsehen mit mir, dem stupid Tourist, haben. Ein paar Anrufe bei Alamo und beim Bail Bond, und ich könne meine Reise mit dem gemieteten Auto fortsetzen. Das hörte sich gut an, wird aber – wie sich bald herausstellen wird -, weitaus schwieriger als sie angenommen hat.

Am Montag mache ich mich noch einmal auf den Weg zu Steve Park, um mit ihm face to face zu sprechen, weil ich mittlerweile erfahren habe, dass es gesetzlich vollkommen ungedeckt ist, meinen Pass einzubehalten, und ihm – wenn es viel ist – lediglich 10 bis 15 % des Bonds zustünden, also 1500 $. Steve Park ist zwar da, aber zeigt keine Veranlassung, weder mir Geld noch den Pass zurück zu erstatten, solange er nicht ein Papier in Händen hält, das vom district attourney abgestempelt und unterzeichnet ist und beweist, dass ich kein Schwerverbrechen, keine felony, sondern lediglich ein class C disdiminor begangen habe, ein Verkehrsdelikt, das mit einem ticket, vielleicht 50 $ geahndet wird.

In der Zwischenzeit hat meine Rechtsanwältin immerhin so viel erfahren, dass mein Auto abgeschleppt worden sei, niemand aber wisse, wohin. Der district attourney nicht erreichbar, da in irgendwelchen Meetings. Außerdem könne mein Akt unter meinem last name nicht gefunden werden. Bin also immer noch Helmut Österreicher. Den gibt es tatsächlich. Er ist, wie mir mein Konsul schmunzelnd mitteilt, ein berühmter Haubenkoch im MAK in Wein.

Das kann doch nicht möglich sein, dass ich nun schon 7 Tage hier festsitze ohne Pass, ohne Brille, was die Kommunikation ziemlich schwierig macht, weil nicht nur die Buchstaben auf dem Monitor, sondern auch die vielen angesammelten Telefonnummern vor meinen überanstrengten Augen zu verschwimmen beginnen, ohne Aussicht, weder zum Auto und noch weniger zu meinen Sachen zu kommen, die mit Netbook und Videokamera für sich allein schon einen erheblichen Wert darstellen. Außerdem wurde mir mitgeteilt, dass Alamo oder Enterprise oder eine andere mit Alamo kollaborierende Leihwagenfirma nicht nur den Abschleppdienst, sondern auch die Rückstellung des noch bis zum 30. 9. gemieteten Autos nach Lubbock von meiner Kreditkarte abbuchen würde. Also weitere 2000 bis 3000 US-Dollar. What a mess.

Ich checke aus und wieder ein und verbringe einen Montag hin- und hergerissen zwischen Wut, Verzweiflung und Gleichgültigkeit. Würden meine Lebensgefährtin und meine Freunde von Wien bis Chile mich nicht ständig ermuntert haben durchzuhalten, hätte ich wohl durchgedreht.

Die Rechtsanwältin, die das ja auch nicht umsonst machen wird, verspricht mir, am Tag sechs meiner Odyssee nach Refugio zu kommen, um die Dinge vor Ort zu klären. Mittlerweile habe ich nicht nur eine Zahnbüste und ein T-shirt, sondern auch einen Shaver und eine Brille, die ein Gast des Best Western vergessen hat. Der ATM-Schalter gibt mir noch einmal 200 $ frei und ich checke wieder ein.

Um es kurz zu machen: Am Dienstag kommt meine Anwältin, Jo Ellen Hewins. Endlich. Ich verabschiede mich von Karen und ihrem Sohn Kevin, die alles unternommen haben, mich mit Texas und seinen Einwohnern wieder auszusöhnen, und wir verbringen einen ganzen Tag bis in den späten Abend zwischen Corpus Christi und Refugio herum fahrend, um den Staatsanwalt zu erreichen, Steve Park vom Bond zu jagen, der mit seiner Harley und meinem Pass in der Gegend herumrast, und Enterprise zu suchen, wo das Auto mit meinen Sachen auf mich wartet. Ich werde von ihr und ihrem Fahrer auf ein Essen eingeladen. Das erste warme Essen im Bauch, setzen wir – meine Rechtsanwältin ununterbrochen telefonierend – die Jagd fort. Der Staatsanwalt noch immer in irgendwelchen Meetings. Endlich das befreiende „the file is dismissed and changed from felony to class C disdiminor“ vom Staatsanwalt. „Jetzt kann eigentlich nichts mehr schief gehen“, denke ich. Weit gefehlt. Steve Park ist unauffindbar. Also machen wir uns auf den 70 miles entfernten Weg nach Corpus Christi, finden das Auto. Ich darf meine Habseligkeiten – alle fotografiert und durcheinander, aber vollzählig – wieder zu mir nehmen. Juchhuuu. Das Auto aber darf ich nicht selbst zurück bringen. Außerdem ist meine Visa gesperrt. Stöhhhhn. Macht nichts. Jetzt nur noch mein Pass. Endlich meldet sich Steve Park. Er hockt in einem anderen Trailer in der Nähe eines anderen Gefängnisses nur 50 miles von Refugio entfernt. Also wieder zurück auf der Suche nach dem county Gefängnis in Weißichwo. Vor einer Hütte mit dem open 24/7 Zeichen und einem A Action Bail Bond agency – Schild steht seine Harley. Wir haben ihn gefunden.

Er sitzt mit seiner schwarzen Lederweste, die ihn als Mitglied der zumindest in Europa berüchtigten Bandidos ausweist,  hinter seinem Pult und weigert sich, den Pass herauszurücken, da wir ihm kein amtlich bestätigtes Papier zeigen können. Die Rechtsanwältin kann ihn dazu bringen, den district attourney anzurufen. Der gibt grünes Licht, und ich bin endlich wieder im Besitz meines Passes. Ich frage ihn, ob er mir nicht wenigstens die widerrechtlich angeeigneten 3500 $ zurückerstatten will. No chance. Die Anwältin verhandelt. Er wird weich und ist bereit, mir 1000 auf ihre Kreditkarte zu überweisen. Mir bleibt nichts übrig als zuzustimmen, um nicht noch länger – mittlerweile ist es Abend geworden – aufgehalten zu werden. Jetzt muss ich nur noch das mit der Kreditkarte lösen, um meine Anwältin auszahlen zu können. Ich rufe den Notfallsdienst von Visa in Wien an. Da Visa nicht weiß, ob die zukünftigen Abbuchungen gedeckt sind, wieder no chance. Manana.

Noch eine Nacht – diesmal aber in Corpus Christi und wenigstens im Besitz zweier wichtiger Dokumente: Pass und Bondrelease. Die Karte auch am nächsten Tag noch immer gesperrt. Die Anwältin will kulanterweise nur noch weitere 500 $ von mir, da sie den Check über 1000 mittlerweile schon zugestellt bekommen hat. Sie lädt mich und ihren Mann erneut zum Essen ein und bringt mich am Abend zum Greyhound. Ohne sie würde ich sicherlich noch heute in Refugio sitzen oder wäre auf der Flucht nach Nuevo Laredo.

Auch möchte ich an dieser Stelle dem Konsul, meiner Lebensgefährtin, meinem Bruder in Bolivien, Paul in Lubbock, und meinen Freunden in Wien und Übersee für ihren Einsatz, die phonecalls, textmessages und mailposts danken, die mich in diesen trüben Stunden und Tagen begleitet und aufgerichtet haben.

Jetzt nach 15 Stunden bin ich beim Ausgangspunkt meiner Reise angelangt und warte hier nur noch auf meinen Flug zurück nach good old Europe. Es war die teuerste Reise meines Lebens.  Nie wieder Texas.

Written in Lubbock, Texas, the 2th of october, 2010, Helmut Hostnig (Österreicher)

Nachtrag:

Wenige Monate später sitze ich mit dem Haubenkoch, unter dessen Namen ich im Countygefängnis von Refugio eingesessen bin, und dem österreichischen Generalkonsul, der mich über die Anwaltskanzlei aus den Fängen der DPS befreit hat, im Restaurant des MAC in Wien. Der Konsul, der meine Geschichte seinen Freunden erzählt hatte, bekam von diesen die Antwort: What the hell he is complaining. He is still alive, isn’t? Erst da ist mir klar geworden, dass ich ausgesprochenes Glück gehabt hatte.