Was tun in Laredo, einer der vielen zweisprachigen Grenzstädte am Rio Grande oder Rio Bravo, wie er auf der anderen Seite heißt, die einen leichteren Grenzübertritt in die mexikanische Schwesterstadt Nuevo Laredo verspricht: Der größte Umschlagplatz Lateinamerikas für den legalen Warenverkehr zwischen beiden Staaten, aber auch für Drogen. Das Sinaloa-Kartell und das Golfkartell der besonders mordlustigen Los Zetas, deren Namen man hier nur flüstert, machen sich die Route streitig, die zum Highway Interstate 35 führt, woher ich heute gekommen bin.

Nur eine Brücke für Fussgänger trennt mich von der anderen Seite, auf der ich so gern jemanden kennen würde, der mir die Stadt zeigt und mich in das einweiht, was dort Sache ist.

Und ich habe wieder Glück. Über einen Skypefreund bekomme ich die Adresse einer Schulleiterin, die sich in Nuevo Laredo für die am Rio Bravo gestrandeten und traumatisierten oder deportierten Immigranten engagiert. Ich nehme via Mail mit ihr Kontakt auf und werde eingeladen, sie in ihrem Büro zu besuchen. Nichts wie hin und hinüber nach Mexiko und nichts leichter als das. Ich suche einen Parkplatz für das Auto, kaufe mir für weniger als einen Dollar ein Ticket für die Brücke über den legendäre Fluss, wo mir schon die vom Wind gebeutelte Trikolore in Grün, Weiß und Rot entgegen weht. Keine Kontrolle. Nichts. Nada. Auf der anderen Seite der Brücke über den Rio Bravo allerdings eine Schlange, deren Ende nicht in Sichtweite ist.

Wie viel Stunden wird es mich kosten, wieder nach USA zu kommen? Genügt mein Pass? Habe ich das Flugticket mit? Aber jetzt will ich mir von diesen beunruhigenden Gedanken die Freude auf Mexiko nicht nehmen lassen. Ich kanns noch gar nicht glauben und frage – auf der anderen Seite angekommen-, ob ich mich jetzt tatsächlich schon auf mexikanischem Boden befinde. Es regnet in Strömen und ich warte auf Diana Chavira, die wenig später mich abzuholen kommt. Was für ein Service. Schon auf dem Weg zum Büro beginne ich mit den Interviews, da sie mich sofort in die aktuelle Situation an der Grenze einführt.

Da ich die Interviews der Verständlichkeit wegen in zwei Sprachen geführt habe, – Zeit für eine Übersetzung habe ich hier nicht -, sich die Inhalte aber unterscheiden, will ich ergänzend schnell ein paar Daten vorwegnehmen, die erheblich zum Verständnis der lokalen und nationalen Gegebenheiten beitragen können: Über 11 Millionen Mexikaner leben derzeit – hauptsächlich verteilt auf vier grenznahe Bundesstaaten – in den USA und sind dort geboren.. 3,5 Millionen von ihnen haben keine Papiere und somit illegalen Status. Beinahe die Hälfte davon lebt in California. Die so nach Mexiko importierten Devisen sind nach Öl und Tourismus die Haupteinnahmequelle des Staates. Der nationale population council geht davon aus, dass mittlerweile jede siebte mexikanische Familie von einem im Nachbarland lebenden Mitglied finanziell unterstützt wird.

Das trilaterale Freihandelsabkommen NAFTA garantiert zwar den freien Personenverkehr zwischen Kanada, USA und Mexiko, aber die Wirklichkeit schaut anders aus. Das sollte ich auf dem Rückweg bald selbst feststellen.

Noch aber bin ich in Nuevo Laredo im äußersten Norden des mexikanischen Bundesstaates Tamaulipas. Die Straßennamen erinnern an die Helden der mexikanischen Revolution, die wir in Europa aus Filmen kennen: Zapata, PanchoVilla, Benito Juarez, Iturbide… Es ist Sonntag, es regnet sintflutartig, sodass sich die Straßensenken schnell in stehende Gewässer verwandeln und die Autos bis zu den Radnaben im Wasser versinken. Die Stadt ist wie ausgestorben und ich sehe nichts von dem bunten Leben, das mir der Reiseführer versprochen hat. Es ist auffallend ärmlicher als in den Städten, aus denen ich komme. Beim Mittagessen, zu dem ich eingeladen bin, erfahre ich von Diana Chavira, die neben ihren vielen sozialen Tätigkeiten auch noch Kongressabgeordnete in Tamaulipas ist, und dem Finanzwalter der Montessorischule, Julian Hernandez, dass ein Interview mit einem Priester der Casa del Migrante und eines mit dem Chef der Proteccion civil geplant ist. Beide repräsentieren Institutionen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die hier gestrandeten oder deportierten Immigranten entweder zur Heimreise zu verhelfen, sie mit Kleidung und Nahrung zu versorgen, aber auch die täglich angeschwemmten Toten aus dem Fluss zu bergen.

Wir fahren kreuz und quer durch die Stadt, aber wo immer wir anklopfen, niemand ist da. Wir fahren den Fluss entlang und Julian zeigt mir die Stellen, wo die Schlepper, die „coyotes“, wie sie hier heißen, ihren Opfern von 1500 bis 3000 Dollar abknöpfen, um sie dann ihrem Schicksal zu überlassen. Heute, sagt, Julian, wird es niemand versuchen, den Fluss zu durchschwimmen. Er ist braun wie Brackwasser und über die Ufer getreten. Wir sehen dieScheinwerfer der Bordercontrolautos, die das Südufer bewachen.  Da es unaufhörlich regnet, machen Aufnahmen keinen Sinn. Mittlerweile ist es Abend geworden und Zeit für mich wieder nach Laredo zu kommen. „Selbstverständlich“, sagen sie, „bringen wir dich über puente II auf die andere Seite.“ Dort nämlich verkehren ausschließlich Fahrzeuge und die Kontrollen gehen schneller vonstatten. Das ist mehr als ich erwartet habe. An der Grenze aber große Schwierigkeiten. Mir ist die Permission, ein am Flughafen ausgestelltes grünes Papier, abhanden gekommen. Also muss ich das ganze Prozedere noch einmal über mich ergehen lassen. Die Beamten lassen sich Zeit. Viel Zeit. Stehe beinahe zwei Stunden in der Schlange, bis ich endlich drankomme. Diana und Julian warten auf mich, während ihr Auto mit Spiegeln und einem Drogenspürhund durchsucht wird.

Fingerabdrücke werden abgenommen, Fotos werden gemacht, und ich muss mich den denkbar indiskretesten Fragen stellen: Was ich verdiene, was ich in den Staaten mache, was ich in Nuevo Laredo gemacht habe, wer die Personen sind, die mich mitgenommen haben, woher ich sie kenne, wo ich untergebracht bin, womit ich reise, ob ich verheiratet bin usw. Dann endlich kriege ich das grüne Papier und einen Stempel drauf. Diana und Julian sind im Auto eingeschlafen. Sie nehmen es gelassen: Übersetzt meint Julian: „Hier steht man von der Geburt bis zum Sterben in einer Schlange. Wir sind das gewohnt.“ Diana will mir unbedingt einen Regenschirm kaufen. Zum Abschluss werde ich noch einmal zum Essen eingeladen. Die Gastfreundschaft ist unübertroffen. Sie haben sich den ganzen Sonntag für mich Zeit genommen.

Dass ich ja wieder komme Morgen.. „Die Interviewtermine stehen, y no te preocupes: Jetzt hast du ja die erforderlichen Papiere.“ Todmüde suche ich mir ein Motel 6, das ich mit den Truckfahrern teile. Kein Internet heute. Nur noch schlafen.