Noch einmal zurück, bitte!

Sein auf mir ruhender Blick ist wohlwollend. Trotzdem: Mir ist nicht gerade wohlig zumute, denn ich liege in einem Spitalsbett. Ich war mit Fieber eingeliefert, untersucht, mit unzähligen Nadeln gestochen und therapiert worden. Nichts aber hat geholfen. Im Gegenteil: Jetzt hänge ich am Tropf und soll Morgen operiert werden. Es klingt anklagend. Habe ich gesprochen? Habe ich das gesagt? Der Fremde nickt, als hätte er mich verstanden. Also habe ich gesprochen. Er hat etwas in seiner Hand, das aussieht wie ein Pendel. Er steht am Bettende und fixiert mich. Es ist mitten in der Nacht und ich frage mich, ob ich schlafe, träume, oder eben aufgewacht bin in meinem Traum.

Es herrscht eine konzentrierte Stille in dem Raum, in dem auch andere Betten sind, aber keines belegt. Das Schweigen schwillt an und sucht die Grenze zwischen dem Hörbaren und Gedachten. Als würden sie miteinander reden, dazu der Stimme aber nicht bedürfen. Selbst Pausen entstehen. Pausen, in welchen die Fragen noch bevor sie gedacht werden, schon beantwortet sind.

In einer dieser Pausen hinein, in die das wütende Surren einer immer wieder gegen die beleuchtete Milchglasscheibe aufprallende Fliege die Gedanken der beiden zu übertragen scheint, wird er gefragt, ob er denn nicht wisse, dass er in Wirklichkeit tot sei. Es – die Stimme ist keinem ihm bekannten Geschlecht zuzuordnen – könne zwar verstehen, dass er das nicht wahrhaben wolle, es sei aber Zeit sich damit abzufinden. „Sie sind hier, weil es meiner Aufgabe obliegt zu entscheiden, in welche Kategorie sie gehören und wo sie unterzubringen sind.“ Das Erstaunliche ist, dass sich die Lippen des Fremden dabei nicht bewegt hatten, und noch erstaunlicher, dass mich, den Kranken, das nicht wundert. War das nach meiner Geburt verhängte, aber auf unbestimmte Zeit ausgesetzte Todesurteil nun tatsächlich vollstreckt worden? War es eine Nahtoderfahrung – mir auferlegt, endlich die richtigen Schlüsse aus ihr zu ziehen, um wieder zurückgekehrt, ein anderes Leben zu führen, eines nicht im Glauben an oder Hoffen auf, sondern im Wissen darum, dass der Tod nicht das Ende ist?

„Du sollst jetzt nicht spekulieren, sondern mir folgen“, unterbricht ihn die Stimme. Während mich noch beschäftigt, warum sie so plötzlich von der förmlichen Ansprache in das Du gewechselt hat, und wohin ich denn folgen solle, sitze ich plötzlich in einem Zug, der eben wie Stahlgewitter über eine Brücke donnert. Wohin?, fragt der Schaffner. „Noch einmal zurück, bitte“, antworte ich tonlos, als der im Rock des Kaisers auftretende Schaffner mich auffordert, ihm das Ticket zu zeigen. Umständlich werden meine Daten erhoben, dann wird die Fahrkarte mit einer Lochzange am Rande perforiert. Mitten in diesem Prozedere überrascht mich eine Sturmflut von Bildern, die sich jetzt mit einer alle Gesetze aufhebenden Gleichzeitigkeit in meinem Kopf wie Furien jagen:

Auf einer Tragbahre liegt ein Mann. Aus dem Druckverband quillt Blut. Ein glatter Lungendurchschuss. Sie wollen ihn krepieren lassen. Er soll hier zwischen steil aufragenden Felswänden mit Blick auf die Drei Zinnen einfach verbluten. Es gibt kein Wasser mehr, keine Maultiere, keine Moral.

Er zwingt zwei Sanitäter mit vorgehaltener Armeepistole, ihn ins Tal zu tragen. Er fürchtet, dass sie sich über Blicke verständigen und ihn wie Müll über den nächsten Felsen kippen. Gefallen in den Dolomiten, würde es heißen. Für Ehre und Vaterland. 23. Mai 1915. Wenn er es ins Lager schafft, ist für ihn der Erste Weltkrieg vorbei, aber seine Kräfte verlassen ihn. Er schließt die Augen. Schicksalsergeben. Er winkt mir zu, wird immer kleiner.

Er erinnert ihn an seinen Großvater. Das holzgetäfelte Zugabteil gehört ihm ganz allein. Auch die Sitzbänke sind aus Holz. Unter der Gepäckablage Spiegel und Stiche von Winterlandschaften. Ein Zug von oben, der sich wie eine schwarze Raupe über Mehl windet. Sie pfeift wie aus dem letzten Loch. Ein langgezogener Akkord aus zwei Oktavlagen und einer verminderten Terz. Dann nichts mehr. Schwarz. Auch die Deckenbeleuchtung ist ausgefallen. Sie sind in einem Tunnel:

Es ist die zweite Angriffswelle. Spreng- und Brandbomben fallen wie Regen vom Himmel über seine Stadt. Kein Wasser kann den Feuersturm löschen. In den Luftschutzkellern ersticken die Menschen in den Brandgasen. Ein Blinder tastet an den Wänden entlang, sucht die Stiege. Sie trampeln über ihn hinweg. Er liegt am Boden. In Embryohaltung. Versucht sich zu schützen, verliert das Bewusstsein. Ein Faschingsdienstag im Zweiten Weltkrieg. Ein in Erzählform gebrachter Nachlass vom Vater des Vaters. Er hat ihn nicht kennen gelernt.
Noch immer rast der Zug über die Brücke. Ein Schallgewitter aus wabenartigen Rhomben, aufgetürmt, um im gleichen Augenblick zu zerfallen. Mikado aus Stahl.

Eingeschlossen im Stahlkäfig eines Panzers unter den tonnenschweren Steinen einer eingestürzten Brücke erwache ich aus meiner Betäubung. Der Fahrer neben mir tot. Beide Einstiegsluken nicht mehr zu öffnen. Der durch Panzerglas abgesicherte Sehschlitz zeigt Gesteinstrümmer und Teile des eingebrochenen Stützpfeilers auf der anderen Uferseite. Mörderhitze und Verwesungsgeruch rauben uns den Atem. Wer sind wir? Wo? Kein Wasser. Wie lange schon? Wie lange noch? 13. Juli 1944. Er schließt die Augen. Ich öffne sie.

Am Bettende steht ein Mann. Ein an einem Faden aufgehängter Stein pendelt über meine Füße, über meinen Körper, über meinen Kopf. Was will er? Was hat er hier verloren mitten in der Nacht? Ich liege auf dem Rücken. Falle wieder in Schlaf. Eine schwarze Kutsche, gezogen von wimpelgeschmückten Winterrappen. Der Kutscher hat einen Zylinder und einen schwarzen Frack und jagt mit ihm durch die Nacht. Die Achse bricht. Die Kutsche fällt um, radiert Funken schlagend über den im Mondlicht glitzernden Asphalt. Das gellende Lachen des Kutschers, der auf einem der Rappen sitzt. Sein Kopf sitzt falsch. Er sitzt auf seinem Rücken. Seine Augen durchbohren mich, aber ich halte dem Blick stand.