18 Stunden sind vergangen seit der Fruchtblasensprung erfolgt und er ins Spital gestürzt ist, der Arzt ihr ohne Narkose die Nähte entfernte, die den Muttermund verschlossen hielten, und jetzt zwei Monate zu früh die Wehen begannen, welche den Geburtsvorgang einleiten. Er denkt an die vielen Komplikationen und ist froh, dass es nun soweit ist.

Wie schnell ihr Herz schlägt. Wie ein Tamburin, das zum Finale trommelt. Wie ein Zug, der durch die Nacht rast. Den nichts mehr und kein Signal aufhalten kann, sich mit dem Stakkato des Toctoc seinem Ziel immer näher weiß. Sie sucht seine Hände. Ihre Nägel schlagen sich in sein Fleisch und er spürt es nicht. Ihr Atem fliegt. In ihren Augen steht Angst: Hilf mir!, flehen sie. Mach, dass es vorbei ist. Schnell. Sein Gleichmut versetzt ihn in Staunen über sich selbst. Er raunt alte Beschwörungsformeln: Es wird alles gut gehen. Glaub mir! Gleich hast du es überstanden.

Der Muttermund ist verstrichen. Die Wehe hat nachgelassen. Die Hebamme schließt sie an die Geräte an, schnallt ihr einen Gürtel über den Bauch, auf dem die Schallköpfe für die externe Überwachung angebracht sind. Erbarmungslos tickt der Wehenschreiber. Die Herztöne hämmern wie in dark side of the moon., verebben, schwellen an. Pam – pampam: Eine Mischung aus Walzer und Ragtime. Ein exotischer Rhythmus. Kassiber. Alles nimmt er wahr. Mit übergenauer Deutlichkeit: Die knallhelle Lampe über dem Kreißbett, die mit einem Heftpflaster befestigte Injektionsnadel, die zerstochene Handbeuge, den Schlauch, der von der Nadel zum Wehen fördernden Dauertropf führt, die kalten, gekachelten Wände, die Wanduhr, deren Zeiger gegen Mitternacht vorrücken.

Der lichtgrüne Mantel, in den er gesteckt wurde, hebt sein Selbstvertrauen und zaubert ein müdes Lächeln in ihr Gesicht. In wenigen Augenblicken werde ich Vater, denkt er. Jetzt gibt es kein Entrinnen mehr. Ich könnte fliehen, denkt er, aber nichts ist weiter als die Ferne zwischen Jetzt und Jetzt. Dazwischen kann ich mich nicht verstecken. Jetzt ist es soweit. Jetzt muss ich mich stellen. Jetzt trennen uns nur noch wenige Augenblicke davon Eltern zu werden. Er ist nicht ruhig. Er tut nur so.

Die Wehen haben sich wieder beruhigt, sind fast ganz zum Stillstand gekommen. Eine Traubenzuckerinfusion soll sie wieder zu Kräften bringen.

Allerheiligen. Dein Geburtstag. Ich blättere in den Tageszeitungen, lese die Schlagzeilen. Ich will sie dir aufheben. Vielleicht wird es dich einmal interessieren. Vielleicht wirst du gerne einmal wissen wollen, was in der Welt los war, genau an dem Tag, als du auf die Welt gekommen bist. Was die Gemüter erhitzte, unter welchem Stern du geboren wurdest. Apropos Sterne. Mein Horoskop meint, dass ich mich nun mit gewissen Tatsachen abfinden müsse, das der Mutter verspricht eine Überraschung, die sie heute ganz besonders froh machen würde. Außerdem hätte sich etwas ergeben, von dem sie nicht zu träumen gewagt hätte. Was das wohl sein könnte? Und du? Du wirst im Skorpion geboren. Frau Helga rät dir, liebenswürdig zu bleiben, auch wenn dir heute etwas auf die Nerven geht. Hast du gehört, Hannah, meine Tochter? Ja, dein Name steht auch schon fest. Jetzt aber muss es bald so weit sein. Jetzt wird es ernst.

Mit voller Wucht haben die Wehen eingesetzt, reißen sie aus dem Schlaf. Die Hebamme massiert ihr den Rücken. Der Arzt kontrolliert Wehenschreiber und Herztöne. Sie greift nach der Sauerstoffflasche, als gälte es ihr Leben, nimmt gierig ein paar Züge. Die Krämpfe jagen sich in immer kürzeren Intervallen. Sie will Seitenlage einnehmen, aber jetzt haben die Presswehen begonnen, die Austreibungsphase. Was für ein Unwort. Sie hechelt, ringt nach Luft, ihr Körper bebt, ihre Hände zittern. Mir ist speiübel, sagt sie. Schlafen möchte ich, nur schlafen. Wieder eine Wehe. Sie darf ihr nicht nachgeben. Muss die Luft anhalten. Ja, so ist es gut, reden wir ihr zu. Die Hebamme rasiert die Schamhaare für den Dammschnitt. Sie legt einen Katheder an. Jetzt darf sie pressen. Tief Luft holen. Sie anhalten. Sie feuern sie an wie Kapitäne einer Mannschaft ihren besten Spieler. Ja. Press! Nicht ausatmen!, befehlen sie ihr. Arzt und Hebamme wechseln einen schnellen Blick. Ist etwas nicht in Ordnung?

Auch er hält die Luft an, sie darf jetzt nicht ausatmen. Die Wehe muss sie ausnützen wie ein Segel den Wind. Sie darf jetzt nicht aufgeben. Nur keine Saugglocke. Nur keine Zange. Ist es vorbei?, fragt sie Sie hat das Kind durch den Knochenring des Beckens gepresst. Ich kann nicht mehr, sagt sie. Tränen treten ihr in die Augen. Aus Schmerz? Aus Freude? Anstrengung? Verzweiflung? Alles gleichzeitig. Ihr Atem fliegt. Sonst ist alles still. Sie reden ihr zu. Nur noch eine Wehe. Nur eine noch. Dann ist es da. Jetzt! Du musst pressen. Ja, so ist es gut. Ja, so. Der Kopf wird sichtbar, schwarze, blutverschmierte Haare. Glatte. Dünne. Die Wehe kommt. Die letzte, die vorletzte, die entscheidende. Der Arzt knetet ihren Bauch, stützt sich mit beiden Händen, die in weißen Latexhandschuhen stecken, auf ihm ab. Der Körper des Babys rutscht nach, die Hebamme zieht es heraus. Es ist da. Es ist da. Schau doch! Schau!, sagt er. Erschöpft lässt sie sich in die Kissen sinken.

Sie wagen einen ersten Blick auf das Wesen, das in Käseschmiere eingepackt zwischen ihren Beinen liegt. Wieder tauschen Hebamme und Arzt einen kurzen, besorgten Blick. Die Hebamme saugt es ab, führt den Schlauch in Nase und Mund, um die Atemwege frei zu kriegen. Es hat Schwierigkeiten. Ganz blau ist es. So tut doch etwas!, will er rufen. Er kann nicht hinsehen und doch seine Augen nicht davon lassen. Am liebsten würde er der Hebamme zur Hand gehen. Nichts geht ihm schnell, nichts sanft genug. Jetzt liegt es auf ihrem Bauch. Jetzt wird die Nabelschnur abgeklemmt und mit einer Schere durchtrennt. Aber es schreit nicht. Es müsste doch jetzt schreien. Warum schreit es nicht? Es wimmert. Ganz leise. Ringt nach Luft. Aber es lebt. Du lebst. Du lebst. Du bist auf die Welt gekommen. Du bist da. Meine Tochter. Unser Kind. Hannah.

Arme Hannah. Jetzt wirst du gebadet. Die gute Käseschmiere wird dir vom Körper geschrubbt, und ist doch die teuerste Lotion der Welt. Deine Mutter folgt dir mit den Augen. Stolz. Erleichtert. Glücklich. Du kommst auf die Waage. Ein Kilo und siebzig Deka. Das ist nicht viel. Viel ist das nicht. Aber immerhin. Du lebst. Du hast ja Zeit. Ein ganzes Leben hast du Zeit groß zu werden und zuzunehmen.

Unter dem Wärmestrahler stellt sie ihr Wimmern ein. Sie scheint sich wohl zu fühlen. Jetzt wird sie in warme Tücher gewickelt und ihrer Mutter in die Arme gelegt. Gierig sucht sie nach der Brust. Ein Auge noch zugeklebt, das Gesicht in vielversprechende Falten gelegt. Sie können sich nicht satt sehen an ihr, vergessen alles rundherum. Ganz zerknautscht ist sie noch, so klein, so überaus klein und schutzbedürftig, so schön, so …

Die Nase hat sie von mir, den Schmollmund von dir, schlägt er vor. Nur keinen Streit jetzt. Von wem aber, so fragt er sich, hat sie die wässrigblauen Augen, mit denen sie in die Welt blinzelt? Einen Kuss noch und noch einen und noch einen allerletzten, einen ganz fetten, damit auch sie uns wieder erkennt, wie auch wir sie unter allen wieder erkennen würden, die heute geboren wurden. Heute um 1 Uhr 38 Minuten außerplanetarischer Zeit. Du kannst nicht mehr verwechselt werden. Versprich uns, dass du ganz schnell zunimmst und so viel auf die Waage bringst, dass wir dich bald mit nach Hause nehmen können. Versprochen?

Sie wird fort getragen. Der Arzt sucht eine Vene, lässt den Narkotiseur rufen. Die Narkose beginnt zu wirken. Die Nachgeburt muss entfernt werden. Hat das denn nie ein Ende? Seiner Frau fallen die Augen zu. Er wird hier nicht mehr gebraucht, aber er weiß, dass es ihr ein bisschen geholfen hat, dass er dabei war. Er ist auch ein bisschen stolz auf sich. Um nichts in der Welt hätte er mit den Männern tauschen wollen, die vor den verschlossenen Türen ihrer gebärenden Frauen nervös auf und ab gehen, um auf den ersten Schrei ihres Kindes zu warten.

Wenn alle Männer, die ihren Frauen Kinder machen, bei der Geburt anwesend wären, würde es sie einfühlsamer machen, fragt er sich. Wissen sie eigentlich, was sie versäumen? Wissen sie, was ihnen vorenthalten bleibt? Sie würden Zeugen ihrer eigenen Menschwerdung sein, Zeuge eines Wunders, das trotz der Hightech-Geräte eines blieb und bleiben wird. Immer. Ob so Kriege verhindert werden könnten? Das geht ihm jetzt durch den Kopf, während er im Warteraum sitzt und die bonbonfarbigen Bilder anschaut, die auf den Wänden hängen, um die Wartenden in Kreißsälen auf eine Idylle einzustimmen, welche die Wirklichkeit oft nicht einlöst.

Er stürzt hinaus in die Nacht, in den Morgen, in den beginnenden Tag, an dem die Gräber geschmückt werden, ihrem Geburtstag, den er feiern will heute, den sie mit ihr feiern werden, so lange sie leben. Er will die Welt umarmen, seine Freude teilen mit allen, die mitgebangt haben. Er wird nicht müde zu erzählen, wie alles war, beschreibt Hannah, erinnert ihr Gesicht, die Augen, die Ähnlichkeit, die er mit seiner Nase entdeckt hat, die vollen Lippen, die sie von der Mutter hat oder war es umgekehrt? Er telefoniert mit seinen Eltern und ihren und ihm fällt nicht auf, wie zurückhaltend sie alle sind, und wie schlecht es ihm gelingt seinen Überschwang in Zaum zu halten. Aber es springt kein Funke über. Was ist los? Irgendetwas stimmt nicht. Er ist müde. Er möchte nach Hause. Nur noch schlafen.

Wie es Hannah geht, will sie wissen. Warum niemand sie besucht, will sie wissen. Du hast doch alle verständigt, oder?, fragt sie. Es wird ganz bestimmt überleben, sagt er. Mach dir keine Sorgen. Die Rosen sind schön, danke. Und du hast dich auch herausgeputzt, bemerkt sie. Den Anzug hast du das letzte Mal zur Hochzeit getragen. Wo ist der Arzt? Warum kommt niemand?, fragt sie.

Er sitzt am Bettrand und spielt verlegen mit den Rosen. Auf der Suche nach einer Vase kommt ihm der Arzt entgegen. Ich muss mit ihnen reden, sagt er. Nicht hier. Kommen sie mit. Sie gehen in die Cafeteria des Spitals. Was um alles in der Welt will ihm der Arzt sagen? Warum entführt er ihn in ein Cafe? Was ist mit Hannah? Sagen sie schon! Er räuspert sich, rührt in der Tasse, fragt, wie viel Zucker ich will. Warum spannt er mich so auf die Folter? Warum ist er so nervös und weicht meinen Augen aus?

Das Fenster rahmt eine bleiche Novembersonne. In Nebelschleiern verheddert, droht sie hinter die Fassaden der Miethäuser zu kippen, obwohl noch nicht einmal Mittag ist. Er starrt geistesabwesend durch das Glas, durch den Nebel, durch alle Wände und Berge, die sich vor ihm auftürmen wollen und sinkt bleischwer auf den Grund, der keinen hat, der ein Abgrund ist. Er wirft einen Blick hinunter ins Schwarz, wartet, wartet und wartet, weiß sich fallen, bis er aufschlägt. Doch er schlägt nicht auf, und nichts verrät ihm, wie tief er gefallen ist. Ein Wind, der zuerst in den Winkeln des Stiegenhauses gekauert hat – verhalten winselnd -, heult plötzlich auf, rast, wie von der Kette gelassen – ins Freie, versucht es mit Gewalt, um gleich darauf wieder schmeichelnd um die letzten Blätter zu werben, die die Kastanie draußen noch nicht frei gegeben hat. Rauch quillt aus dem Schlot und legt sich giftiggelb wie ein Teppich über das geteerte Flachdach des Krankenhauses. Eine Taube mit gebrochenen Flügeln versucht sich aufzurichten, um dem Nebel zu entkommen, der unermüdlich an seinem Tuch aus bleiernen Daunen webt.

Ein Wort hat den Herbst gemacht, den Nebel gezeugt, die Blätter sogar hat es gefärbt und selbst die Sonne so blass gemacht, als wüsste sie, dass sie heute nicht strahlen darf. Es hat seiner Freude die Flügel gebrochen. Was hat der Arzt gesagt? Ihre Tochter ist schwerstbehindert, hat eine Hüftluxation, einen Schafhusten, eine Lungenentzündung könne nicht ausgeschlossen werden, Kehlkopfverengung, Schwierigkeiten die Nahrung aufzunehmen, ja, und sie ist mongoloid. Vielleicht überlebt sie es, vielleicht nicht. Machen sie sich auf das Schlimmste gefasst.

Was ist? Was ist mit Hannah?, sag’s doch endlich!, faucht sie ihn an, und weiß oder vermutet, dass es besser wäre, sie würde es nicht hören. Er wünscht sich stumm zu sein, keine Lippen zu haben, über die das kommen muss, auch die Gebärdensprache nicht zu kennen, wünscht er. Er wünscht sich, sich in der Tür geirrt zu haben, nur aus Versehen in dieses Zimmer geraten zu sein und sich wieder entfernen zu dürfen. Er wünscht sich, dass sie taub ist und in keiner Sprache – auch in der der Gebärden nicht – übersetzbar und verständlich zu machen, was er jetzt sagen muss. Kreidebleich steht er da, sieht sich in ihren Augen spiegeln. Seine weit aufgerissen, als wäre er nicht bei Sinnen, blöd geworden von einem Schlag, zu dem er jetzt selbst ausholen muss. Kein Wort bringt er heraus, als überlege er noch, welche Schneide vielleicht weniger scharf. Als könnte er wählen: Dolch, Stilett oder Skalpell. Selbst das Schweigen war schon zum Messer geworden, das die Luft zerschneidet, die bleischwer im Raum hängt. Es sind ihre Augen, die fragen: Ist sie gestorben? Ihm wollen Tränen kommen. Er kämpft sie zurück. Nein, sie ist nicht gestorben, stammelt er. Was dann?, fragt sie. Was dann?, schreit sie. Wir schaffen das schon!, hört er sich sagen, Wir schaffen das schon!, so als könnte die Wiederholung dieser Beschwörungsformel eine heilende Salbe mischen für die Wunde, die nun zu schlagen ist. Wie dem Leben vor das Objektiv gelaufen, kam er sich vor. Wie nach einem Drehbuch spielend, in welchem das in Szene zu setzende auch wirklich passiert und der Betrachter gleichzeitig der Darsteller ist. Als verlange das eine ihm für diesen Augenblick auf den Leib geschriebene Rolle. Was werden wir schon schaffen, was?, fragt sie ihn und richtet sich aus den Kissen auf. Er will weit ausholen, sie vorbereiten, sich an die irrwitzige Hoffnung klammern, dass er in einen Film geraten ist, in ein Set, aus dem man nach der gespielten Szene, heraustreten kann, einen Kaffee trinken, plaudern, die Zeitung lesen, telefonieren, Autofahren, einkaufen, alles das tun kann, womit man die Tage füllt, ohne seine Frau damit trösten zu dürfen, dass das eben entbundene Kind nicht gestorben ist, sondern ihr sagen muss: Nein. Nicht tot. Es lebt. Aber es ist schwerstbehindert. Es ist nicht normal. Es ist M  O  N  G  O  L  O  I  D.

Er hat es gesagt. Er hört ihren Aufschrei, sieht wie die Zähne ins Kissen schlagen, ihn in ihnen zu ersticken. Er sieht, wie sie sich auf die andere Seite wirft, ihre Hände nach einem Halt suchen, als würde sie jeden Augenblick in einen Abgrund stürzen, sieht, wie ein Beben durch ihren Körper geht, wartet auf den Aufprall, aber er hört ihn nicht. Er hört nur die Stille. Die Stille nach einem Sturm. Viel schrecklicher als der Sturm selbst. Der Arzt kommt. Schmelzt sie aus der eingefrorenen Zeit. Sie stellt ihm Fragen. Eisig. Nüchtern, als hätte sie noch eine zweite Stimme. Eine Stimme für etwas nach einem Schock. Sie zwingt ihn, es noch einmal zu wiederholen, erwartet Antworten wie Unterschriften unter Urteile, die längst schon gefällt worden sind, erst aber durch einen Stempel glaubwürdig oder unwiderrufbar werden. Das Kind ist mongoloid, stimmt das? Kind, sagt sie, nicht Hannah. So als hätte es seinen Namen verloren. Als würde sie eine Mauer errichten. Ja, sagt der Arzt. Wird sie durchkommen? Sie ist zweimal schon blau geworden heute. Was bedeutet das? Dass das Herz vielleicht einen Schaden hat. Was heißt „schwerstbehindert“?, fragt sie. Er listet all die Gebrechen auf, die festgestellt worden sind. Ist es grausam, wenn ich sage, sagt sie, dass ich jetzt hoffe, es überlebt nicht?, fragt sie. Nein. Das ist natürlich, sagt er. Er betrachtet sie durch seine randlose Brille, meint, dass sie nicht schuld sei und sich keine Vorwürfe machen solle. Meint, es täte ihm leid. Warum haben sie mich nicht gewarnt?, fragt sie. Warum haben sie gesagt, eine Fruchtwasserpunktion sei nicht notwendig?, fragt sie gefährlich ruhig. Weil es dafür zu spät war, sagt er. Weil das Kind Schaden hätte nehmen können. Das habe ich ihnen damals doch erklärt, sagt er. Auch er ruhig. Keinen Schaden nehmen?, lacht sie jetzt. Keinen Schaden? Was für ein Witz!, lacht sie. Ein irres Lachen. Hilflos ist er, der Arzt, trotz seines schneeweißen Kittels. Genauso hilflos wie der Mann, der jetzt gerne wüsste, was zu tun sei und welche Worte zu finden, die vielleicht trösten könnten. Er greift nach ihren Händen. Sie stößt ihn zurück. Steh nicht so herum!, herrscht sie ihn an. Tu was! Tu endlich was! Gerade noch waren sie eins. Jetzt sind sie zwei, nein drei: Sie mit ihrem Schmerz, er mit seinem, der sich in Gleichmut zu retten versucht, und Hannah, die um ihr Überleben kämpft. Sie steigt aus dem Bett, wankt auf den Gang hinaus und sagt drohend: Ich rauche jetzt eine! Er weiß, dass keine Macht sie jetzt daran hindern wird. Auch der Arzt nicht, der nun aufgestanden ist, ihm reflexartig die Hand schüttelt und etwas murmelt wie „tut mir leid“, und dann hinausstürzt. Fluchtartig. Eigentlich wollte er ihm noch die Frage nachrufen, warum es alle schon wussten, lange vor ihm. Warum er glaubte, mir die Wahrheit erst jetzt zumuten zu können, warum er als entbindender Arzt es ihm überlassen hatte, seine Frau aufzuklären. Müßige Fragen. Solche, die ihm vorübergehend einen Aufschub gewähren und vielleicht helfen könnten, die aufsteigende Wut nicht gegen sich selbst zu richten.

Er sitzt auf der Bettkante. Wie gestern. Gestern? Das war ein Tag aus einem anderen Leben. Da saß nicht ich. Da lagst nicht du. Das waren andere, denkt er. Wie nahe doch Himmel und Hölle beieinander wohnen, grenzenlose Freude und abgrundtiefe Trauer, vom Morgengrauen nur durch den Sonnenaufgang getrennt. Er fühlt sich einsam. Er begreift, dass Leid nicht teilbar ist, dass sie sich nicht trösten werden können, keiner den andern, dass das nur die Zeit kann.

Angehörige kommen, Freunde. Sie kommen mit Blumen. Freudestrahlend kommen sie und gehen verstört. Die es schon wussten, kommen, als würden sie auf ein Grab gehen. Die Blumen finden keine Vase, werden entsorgt. Er hört sich sagen, was er sagen wird müssen, bis alle es wissen, die sie kennen, bis endlich auch sie, die Eltern, es glauben.

Er fährt ins Kinderspital. Er ist empfindungslos. Er hofft weder, dass Hannah ihn mit einem schnellen Tod erlöst, noch fürchtet er, dass sie überleben wird. Er wird seine Tochter sehen, anders sehen wird er sie als in der letzten Nacht, die Kalenderjahre zurück liegt. Er möchte wissen, welchen Unterschied es macht, dass er heute weiß, dass sein Kind mongoloid ist.

Sie sind auf dem Weg. Seine Schwester begleitet ihn. Nichts versagt ihm den Dienst. Das Auto fährt, die Straßen sind verstopft wie immer um diese Zeit, und das Radio meldet ein Beben da, blutige Attentate dort, Wahlen in Irgendwo, Krieg in Anderswo, wie immer. Als wäre nichts geschehen. Das Leben also geht weiter, denkt er. In der Asche kommt um, wer das Feuer fürchtet. Wo hatte er das gelesen?

Er weiß, was Down-Syndrom bedeutet. Er weiß aber noch nicht, welche Opfer ihm seine Tochter abverlangen wird, und ob er, ob sie zu diesem Opfer bereit sind. Opfer, wie das klingt. Ja doch. Opfer. Ihr Leben würde nicht mehr dasselbe sein. Das ist es mit keinem Kind, aber mit einem hilfsbedürftigen Wesen, wie es Hannah ist, ganz bestimmt noch weniger. Er weiß zwar, was Down-Syndrom bedeutet, aber ob ihm dieses Wissen jetzt hilft?

Sie fahren ins Kinderspital, ohne ein Wort zu wechseln. Es hat zu schneien begonnen und der Scheibenwischer zerhackt die Gedanken, denen er nachhängt, in kurze Spots, die immer unverständlicher werden und sich ebenso schnell auflösen wie die nassen, schweren Flocken, die auf die Scheibe klatschen.

Eine Schwester hilft ihm in einen grünen Mantel, befiehlt ihm die Hände zu waschen, Uhr und Kette abzunehmen, und begleitet ihn dann in einen hell erleuchteten, klinisch weißen Raum, in dem in einer der zwei Reihen mit je vier Brutkästen und einem Sichtfenster für Verwandte und Angehörige Hannah liegt. Sein Kind. Ihr Kind. Ihr beider Kind. Ihr schwerstbehindertes Kind mit Down-Syndrom. Er darf es aufnehmen.

Es ist federleicht, passt in seine Hand, nicht größer als seine Hand von der Fingerspitze des Zeigefingers bis zum Handwurzelknochen. Er hält es in seinen Händen, wiegt es in seinen Armen, zeigt es seiner Schwester, die am Fenster steht, nicht lächelt, nicht weint. Tausend Fragen schießen durch seinen Kopf, münden alle in einem verzweifelten: Warum? Warum ich? Warum wir? Münden in Wut, es ungeschehen zu machen, es einfach fallen zu lassen. Münden in den Wunsch es gegen ein anderes zu tauschen als wär’s ein Geschenk, das man zurück gibt, weil es einen Schaden hat.

Er schaut es an, sucht alle Merkmale, die am Urteil „Down-Syndrom“ keinen Zweifel mehr lassen. Er sieht die glatten, dünnen Haare, die viel zu großen, abstehenden Ohren, den zu großen Abstand zwischen den beiden inneren Augwinkeln, die schräg gestellten Lidachsen. Er sieht das alles, aber er sieht jetzt vor allem, wie zart sie ist, so klein, so hilfsbedürftig, so unendlich schutzbedürftig, Er liebt es nicht. Er hasst es nicht. Er ist weder stolz, noch ist er traurig. Im Augenblick ist er tot vom Kopf bis zu den Füßen. Ohne ein Gefühl. Wie anästhesiert.

Empfindungsfrei will er bleiben. Neutral. Als wäre es nicht von seinem Blut. Er betrachtet es mit den kühlen Augen eines Arztes, dem das äußere Erscheinungsbild Aufschluss über die zu erwartenden Entwicklungsstörungen gibt. Er sieht es mit den Augen seiner Schwester, für die Hannah ein Kind ist wie alle anderen auch, nur schutz- und zuwendungsbedürftiger. Er betrachtet es mit den Augen eines Lehrers, dessen pädagogische Fähigkeiten an die Grenzen stoßen, die das Down-Syndrom zieht. Er versucht es mit den kalten Augen eines rasse-bewussten Ariers zu prüfen, für den es artfremd, lebensunwert, nicht bildungsfähig, und daher überflüssig ist wie ein Kropf. Eines der 200 000 Opfer des Euthanasieprogramms. Er sieht es mit den Augen seiner Frau, die hofft, dass es nicht überlebt, die fürchtet, dass es sterben könnte. Er hört manche flüstern: Schau, ein Säuferkind! Er sieht andere wegschauen oder es anstarren, weil es anders ist, nicht normal. Er sieht es mit ihren eigenen seeblauen Augen, die in eine ihr unverständliche, so widerspruchsvolle Welt schauen, in eine Welt, in der einmal nur das wirklich ist, was sie mit den Händen greifen, mit den beschränkten Sinnen wahrnehmen kann, eine Welt, in der sie jetzt schon die Zeit von sich geworfen hat. Es weiß nichts von Angst, von Vergänglichkeit, nichts von Pflicht, Verantwortlichkeit, aber auch nichts von Schuld. Es kam, wie das Schicksal kommt, ohne Grund, ohne Vernunft. Es ist da, wie der Blitz da ist, zu furchtbar, zu plötzlich, zu überzeugend, zu anders, um gehasst zu werden. Er schaut es an mit der Trostlosigkeit, die verzweifelt, mit der Liebe, die blind macht. Er weiß nicht mehr, was schön ist, was hässlich, was gut ist, was schlecht, was menschlich, was inhuman, was wertvoll, was sinnlos, was richtig ist und was falsch.

Je länger er sie in seinen Armen hielt, umso ruhiger wurde er, und diese Ruhe machte dem Toben in seinem Kopf ein Ende, Ja, sie kam, wie ein Blitz kommt, hatte er geschrieben, zu plötzlich, aber überzeugend, und so anders, wie er, wie alle erwartet und ohne Bedenken vorausgesetzt hatten, dass für ein mögliches Anderssein oder das andere Sein kein Platz war, und das Eigentliche, das erst kommt, wenn die Fassungslosigkeit, die Enttäuschung überwunden, die Wut verraucht sind, erst zugelassen werden muss. Auch die Trauer, die ja nur eine Trauer über den Verlust einer Einbildung ist, der Einbildung, dass ein Kind so und nicht anders auf die Welt kommen darf, würde bald schon Erinnerung sein. Er wird sich die Zeit zu seinem Verbündeten machen, und tun, was er muss. Ich werde tun, was ich kann. Das mir Mögliche, dachte er. Und wenn es mich dann einmal erkennen und mich anlächeln wird, werde ich genauso beschenkt sein, wie es alle Väter und Eltern sind, deren Kinder sie das erste Mal mit einem Lächeln des Wiedererkennens begrüßen.

Wir werden es annehmen, und mit ihm umgehen, dachte er. Nicht, als ob es normal wäre, nicht trotz seiner Behinderung, sondern, weil es da ist und nicht mehr weg zu denken, Und er erinnert sich an die Zeilen aus einem Gedicht von Erich Fried: …„Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst„…Es ist, was es ist, sagt die Liebe…“