Ich sitze auf einer Terrasse am Molo von Porto und muss die Augen zusammenkneifen, um die Strahlkraft der Sonne abzuwehren. Der gleichnamige Wein der Hafenstadt im Norden Portugals, von dem ich mir mittlerweile das zweite Gläschen genehmige, wärmt wie die Sonne, unter welcher seine Trauben im Hinterland gereift sind. Das Chorisco – in Wien würde man es Burenhäutl nennen – kommt in einem Tongefäß, aus dem die Flammen schlagen. 

Eine freche Möwe hat sich auf der Mauerkrone niedergelassen und wartet ab.  Mein Blick schweift vom stählernen Gerüst der Brücke, die dem Büro von Eiffel in Auftrag gegeben worden war, über den Krieg der Zeichen – Coleman, Offley, Croft, Williams – alles Markennamen für den hier produzierten Portwein, bis zur Krümmung des Douro, hinter der ich seine Mündung ins offene Meer vermute.

Es ist ein Blick, der 200 Jahre Geschichte in Erinnerung ruft. Wäre ich an einem Maitag des Jahres 1809 hier gesessen, wäre ich Zeuge der panikartigen Flucht der einheimischen Bevölkerung vor den herannahenden französischen Truppen gewesen.  Unter der Last der Fliehenden ist die Brücke eingestürzt. Die Engländer kamen als Befreier. Aber welche imperiale Macht tut dies ohne Gegenleistung? 20 Jahre später hätte ich von dieser Stelle aus wieder zusehen können, wie die Engländer die andere Uferseite des Douro in Besitz nehmen. Die heute nur noch symbolisch mit Portweinfässern beladenen Segler, die am Kai für die Touristen angetäut liegen, brachten die in riesigen Weinkellern gelagerten Fässer außer Landes. Seither ist der Weinhandel von Porto fest in britischer Hand. Übrigens verdankt sich die Erfindung des Portweins kundigen Matrosen, die den auf ihren Schiffen mitgeführten, aber bald nach Essig schmeckenden Wein mit Branntwein panschten, um ihn so haltbar zu machen.

Vielleicht hätte mich dieser Ausverkauf eines im Lande erzeugten Produktes als Portugiese genauso wütend gemacht, wie es heute die Tatsache tut, dass der europäische Finanzmarkt, wie die „Welt“ vom Samstag, dem 6. Februar titelt, mittlerweile nicht nur zum Sirtaki, sondern auch zum Fado spielt. Portugal stöhnt wie die anderen PIGS – wer immer dieses Unwort als Kürzel für die EU-Länder Irland, Griechenland und Spanien erfunden hat, unter der Finanzkrise und den kaum mehr zu bedienenden Schulden. Die Gesamtverschuldung des Staates soll – glaubt man den Börsenberichten  – bald auf 90 % des BIP explodieren.

Ja, Porto ist arm und lebt (noch) vom Charme einer langsam verfallenden Hafenstadt, die einmal bessere Zeiten gesehen hat.  Ganze Häuserzeilen stehen leer und in den zerbrochenen Fensterscheiben, durch die man in den Himmel schauen kann, kleben Vende se Plakate, die selbst schon vergilben.

Wie drastisch die Lage ist, fängt für mich diese Frauenpuppe ein, die auf dem Balkongeländer eines zerfallenden Hauses sitzt und überlegt, ob sie springen oder noch abwarten soll.

Nur dort, wo die Erbauer der bunten und mit vielen Fenstern durchbrochenen Patrizierhäuser, die berühmten, blauen Azulejos angebracht haben, brökelt der Putz noch nicht.

Auch im Bahnhofsgebäude finden wir wandgroße Gemälde aus den blauen Fliesen, die die Portugiesen von den Arabern übernommen haben. Sie zeigen entweder Schlachten, Krönungen oder ganz triviale Szenen aus dem Alltag des harten Lebens von Fischern und Bauern. Heutzutage macht die EU-gestützte Agrokultur nur noch 4% des BIP aus – und wenn die Zahlen unserer Reiseführers stimmen – sind es 18% an exportorientierter Industrie (abhängig von ausländischem Kapital), der Rest ist Tourismus. Verständlich also, dass die Menschen im Hinterland  des tras o montes keine Zukunfsperspektiven mehr sehen und entweder in die wenigen Küstenstädte oder ganz ins Ausland abwandern.

Es ist Sonntag. Die ebenerdigen Lokale, von denen die meisten den Charakter von Pennyläden haben, spiegeln den Zustand von Prekariat in den Geldbörsen. Ich will mir kein Urteil anmaßen. Wir sind erst wenige Tage hier, aber die Armut ist augenfällig. Ein prato do dia allerdings kostet lediglich 3€ und ist üppig. Sitzt man in einem Straßencafe und genießt die erste Sonne eines Frühlings, der in unseren Breiten noch auf sich warten lässt, schnorren soviele im Vorbeigehen Zigaretten oder Geld, dass man versucht ist, in Zukunft einen strategisch günstigeren Platz zu sichern, um weniger Gelegenheit für solche Opferhandlungen zu bieten. Aber festzuhalten gilt, dass die Bewohner Portos überaus freundlich und hilfsbereit sind. Überhaupt bin ich geneigt zu glauben, dass vor allem  ältere Männer den Nationaldichter Pessoa kopieren, der sich immerhin 7 Biografien erdichtet und sich so in eine fiktive Welt geflüchtet hat.

In den Auslagen der Geschäfte, die Fleisch- und Milchprodukte aus dem Hinterland anbieten, grinsen uns die übereinander gestapelten speckigen Schwarten von gespaltenen Sauköpfen  entgegen. Aber auch Stockfisch in unterschiedlichsten Zubereitungen. Hier gibt es noch Innereien, die in Österreich selbst bei einem heimischen Metzger, der den Supermarkt überlebt hat, nicht einmal mehr für Haustiere erhätlich sind.

Als wären die Häuser nicht schon bunt genug,  sorgt auch noch die zum Trocknen ausgehängte Wäsche für malerische Fotomotive.

Was ein Sturzachterl ist, erfahre ich in den Pubs: schlauchartige Gaststuben, in welche die Männer hineinstürmen, lautstark nach einem Getränk verlangen, den tintenroten Wein in einem Zug kippen, ein paar Cents auf den Tresen knallen, um gleich wieder auf die Straße hinaus zu stürzen.

Wir nehmen den Zug, um nach Aveiro zu gelangen, das uns der Reiseführer als Venedig des Nordens beschrieben hat.  Die Fahrkarten sind billig. 3,50€ für eine Strecke von fast 70 km hin und retour. Der Bahnhof von Aveiro ist mit seinen gekachelten Fliesen eine Überraschung. Auch der Friedhof. Er wird von Familiengrüften begrenzt, in welchem die Särge in Nischen vor sich hinmodern.

Nein:  Der Vergleich mit Venedig hinkt auf beiden Füßen. Zwei, drei Wasserstraßen gesäumt von Palmen und in bunten Farben angemalten Häusern: Mehr außer moderner Architektur und weniger Zerfall hat Aveiro nicht zu bieten. Wir lassen uns von einem der kanuartigen Boote mit buntverzierten  Schnäbeln, die an naive Indianermalerei erinnern, die Wasserstraßen entlang führen in der Hoffnung etwas von den Salinen zu sehen, die heute noch in Betrieb sind. Leider werden wir enttäuscht und wir kehren um, lange bevor einer der Kanäle das offene Watt erreicht, in welchem viele vom Aussterben bedrohte Vogelarten nisten sollen.

Dafür aber entschädigen uns  die 15 km langen und hart am Meeresufer entlangführende Stege, die uns zu ausgedehnten Spaziergängen in frischer Salzluft einladen. Umkreischt von in den Muschelbänken nistenden Möwen genießen wir das herrliche Wetter und den Ausblick auf das Meer. Würde ein Schiff hier hinaus fahren und Kurs halten, würden wir an Kanadas Ufern an Land gehen.

Bus- und Bahnreisen ins Landesinnere bis Vila Real haben uns müde, aber auch ein bisschen neugierig auf das gemacht, was wirklich hinter tras o montes liegt. Ja, was finde ich hinter den Bergen und was am anderen Ufer? Solange mich das neugierig macht, werde und will ich reisen.