Noch einmal Tirana. In der prallen Mittagshitze machen wir uns auf den Weg zum Zug, der uns nach Durres an die Küste bringen soll. Die öffentlichen Verkehrsmittel für unsere Begriffe spottbillig. Das Ticket von Tirana nach Durres – immerhin 70 km – 120 Lek: geradezu lachhaft. Da kostet ein Fahrschein für die Wiener U-Bahn mehr.

Niemand versteht, warum wir ausgerechnet mit dem Zug fahren wollen. Der Bahnhof schaut aus, als wäre er vor vielen Jahren stillgelegt und die Züge aus dem Verkehr gezogen worden. Auf den Schienen wuchert das Gras und der Rost blüht. Dass sie überhaupt noch fahren, grenzt an ein Wunder. Die Waggons stammen alle aus den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg und erinnern mich an die Zeit, in der ich das erste Mal mit der Eisenbahn gefahren bin.

Der Fahrplan aber wird auf die Minute pünktlich eingehalten. Langsam quält sich die Lokomotive aus der Stadt hinaus, – vorbei an den Barackenwohnungen der Roma und Sinti –  auch hier genauso marginalisiert und ausgegrenzt wie überall – , an neugebauten Wohnsiedlungen, an Baustellen über Baustellen, Schrott- und Abraumhalden, stillgelegten oder zerstörten Fabrikanlagen, an bis zum rostigen Stahlskelett ausgeweideten Karosserien von Güterwaggons, wilden Mülldeponien zwischen gepflegten, hoch eingezäunten villenartigen Häusern mit üppigen Gärten voller Rosen, Oleander und Wein.

Auf den Strecken werden die Züge oft von Kindern mit Steinen beworfen, was dazu führt, dass kaum eine Scheibe mehr ganz ist. Da es keine Streckenleitung und auch keine Schranken gibt, pfeift sich der Zug stampfend und qualmend durch die Landschaft, um etwaige Verkehrsteilnehmer auf ihn aufmerksam zu machen. Wir haben ein ganzes Abteil für uns allein. Sich weit aus dem Fenster zu beugen empfiehlt sich nicht, da man von nicht gerodetem Gebüsch, scharfkantigem Schilf oder Ästen, die an den Zugwänden vorbeischrammen, so zugerichtet wird, dass man sich nicht nur auf Grund der zerborstenen Spiegel, die neben sepiafarbigen Ansichten von Venedig daran erinnern wollen, dass es einmal gemütlicher gewesen sein muss, in diesen Zügen zu reisen, nicht mehr wieder erkennen würde. Fahren wir in ein Tunnel , gibt es kein Licht, dafür aber einen Höllenlärm, weil sich die mitfahrenden Kinder die Lungen aus dem Hals kreischen.

Von der Schaffnerin ernten wir einen halb belustigten, halb mitleidigen Blick, der sagen will: „Was seid ihr Ausländer doch für seltsame Vögel. Hättet das Geld euch einen Bus mit Aircondition zu leisten und fahrt mit dieser heruntergekommenen Bahn.“

Nach eineinhalb Stunden fahren wir in den Kopfbahnhof von Durres ein. Schade. Wir wären noch gerne länger gefahren. Vielleicht aber nehmen wir den Zug von Durres nach Vlore. Es hat Spaß gemacht.