Valdivia gedieh und prosperierte. Schuhfabriken, Gerbereien, Eisenverhuettung und Brauereien gaben den Menschen Arbeit. Dann aber – im Mai 1960 – zerstoerte ein  Erdbeben der Staerke 9.5 auf der Richterskala grosse Teile der Stadt. Was den Stoessen widerstand, wurde von einem drauffolgenden Tsunami mitgerissen. Meterhohe Aufschuettungen verstopften die Muendung des San Pedro. Der tiefergelegene Teil der Stadt drohte endgueltig unter die sich aufstauenden Wassermassen zu geraten. Zwei Monate arbeiteten Tausende unter Anleitung von Ingenieuren, um die noch groessere Katastrophe zu verhindern. Nie wieder hat sich die Stadt von diesen entfesselten Naturgewalten erholt. Der Hafen von Corral nicht und auch nicht die Industrie. Auch die Geografie hat sich veraendert. Inseln entstanden, ganze Berge brachen ein und dort, wo Land war, steht es noch heute unter Wasser. Seither daemmert Valdivia in einem Dornroeschenschlaf.

Die Unidad Popular von Allende fand in der Bevoelkerung von Valdivia und Umgebung die staerkste Zustimmung. Bis heute wird hier schon aus Tradition links gewaehlt. Das sollte sich nach dem Putsch 1973 fatal auswirken. Ein Blick auf die Opferstatistik zeigt, dass hier die Repression bis 1989 am staerksten wuetete. Wirtschaftlich unterversorgt trieb das neoliberale Experiment Pinochets in dieser Region die giftigsten Blueten. Alles privatisierend, das Land, die Waelder, die Feuchtgebiete und Suempfe, selbst das Wasser, pluenderte sein Clan-  bis heute ungestraft – die natuerlichen Ressourcen der Region.

Pepe Araya, der sich im Kampf um Einhaltung der Menschenrechte in den Zeiten der Diktatur einen Namen gemacht hat, nicht nur die ihres Landes beraubten Mapuche vertritt, sondern sich auch noch als Umweltschuetzer engagiert, hat sich in Wut geredet.

Ohne Punkt und Pause – wortverliebt wie viele Intellektuelle – erzaehlt er mir die Geschichte Valdivias von den Zeiten der Konquista bis heute. Ich liebe es, wenn ich keine Fragen stellen muss und die Saetze wie geschrieben daher kommen. Dass dieser Diskurs aber einmal uebersetzt sein will, mir langsam die Kassetten ausgehen und meine Hand erlahmt, sind Gedanken, die mich schon waehrend des Interviews beschaeftigen. Auch, ob er je ein Ende finden wird. Manchmal helfe ich mir, nachdem der Augenkontakt, der eigentlich zunehmende Verzweiflung signalisieren soll, keinen Erfolg zeigt, indem ich mein Gegenueber mit der Frage ueberrasche>“Koennen sie mir abschliessend mit einem Wort [Wort nicht Schlusssatz}die derzeitige Lage beschreiben“ Bis jetzt fand niemand – selbst die sich am gewaehltesten ausdruecken -, ein anderes als „mierda“, was ich mit „beschissen“ uebersetzen muss. Jetzt schnell ein „Danke“ und auf standby gehen, bevor er von Neuem anhebt.

Nachdem Kabel, Mikrofone, Stativ, Kamera wieder verstaut sind, fuehrt mich Pepe zu einem Veterniaermediziner, der nach der bis heute anhaltenden und von Celco verursachten Umweltkatastrophe von 2004 die in den Suempfen nistenden Voegel und Schwaene seziert, um deren Todesursache festzustellen. Sie fielen damals wie Steine vom Himmel auf die Daecher der Stadt oder klatschten erschoepft aufs Pflaster der Strassen. Die anderen verendeten qualvoll in den Suempfen. Die Regierung, die auf Grund ihres neoliberalen Kurses das  Tochterunternehmen Celco des Araukokonzerns in Schutz nimmt,dem hier nicht nur Waelder, Saegewerke, Zellulosefabriken, Fischereiflotten, ja sogar die Tankstellen gehoeren, bemuehte seither bis zu 30 Experten, die den Tod der Schwaene untersuchen sollten. Die Proben der Gegengutachten von Umweltschuetzern ergaben ebenso wie die der anderen, dass die schwarzhalsigen und rotschnabeligen Schwaene durch die Abwaesser der Zellstofffabrik umgekommen waren. In einem Gebaeude auf dem Universitaetsgelaende, in welchem die Proben gelagert waren, brach ploetzlich ein Feuer aus. Ein Kabeldefekt, hiess es. Die Universitaet erhielt ein neues Institusgebaeude. Finanziert von Celco natuerlich und seitdem herrscht Schweigen.

Die Umweltschutzbewegung zur Rettung der Schwaene wird kriminalisiert.

Von den 3000 Schwaenen mit dem schwarzen Hals und dem roten Schnabel, ueberlebten 300.  Doch ihr Sterben und das der Voegel geht weiter, ohne dass Celco zur Verantwortung gezogen wird.

„Celco toetet!“. Kein schoengefaerbtes Wandbild. Mit Wut im Bauch auf die Waende gepinselt, muessen die Umweltschuetzer hilflos zusehen, wie die Nistplaetze zu Todeszonen werden. Auch die Fischer haben nichts mehr zu lachen und wissen nicht mehr, wie sie ihr Ueberleben und das ihrer Nachfahren sichern sollen.