Diese Seite widme ich Ema und Maria, die mich nach Valparaiso begleitet haben.

Kaum 2 Autostunden von Santiago de Chile liegt Valparaiso, die Perle des Pazifik, wie nicht nur die Einheimischen sie stolz nennen. Viele Liedermacher besingen diese malerische Hafenstadt, viele namhafte Schriftsteller widmeten ihr Gedichte, von Pablo Neruda bis Walt Whitman.
In Santiago ist es eher trueb, obwohl fruehlingshaftes Wetter angesagt worden war. Auf dem Weg nach Valparaiso wird die Landschaft immer gruener und saftiger.
Am Wegrand blueht der „dedal de oro“, eine gelbe, dem Fingerhut verwandte Blume. Wir fahren an vielen viele hektargrossen Weingaerten vorbei. Hier bis hinunter in den Sueden wird der Wein produziert, den wir auch in Europa in den Regalen der Einkaufsmaerkte finden.

Ein traumhaft schoener Tag. Als ich das letzte Mal in Valparaiso war, hat es – wie ich mich erinnere – geregnet. Ein Taxifahrer, der auf die Frage, wielange er denn am Tag arbeite, gleich eine lange Suada losliess, brachte uns zum Ascensor eines der 50 Huegel, auf denen die buntbemalten Haeser wie Baukloetze kleben. Von den 23 uralten Standseilbahnen, die uns fuer wenige Pesos auf den Huegel bringen, sind nur noch wenige in Betrieb. Oben eroeffnet sich uns ein wunderbarer Blick ueber den sichelfoermigen Hafen und das wie ein Spiegel schillernde Meer. 

Wir gehen treppauf treppab. Neruda schrieb:“Wer alle Treppen Valparaisos bestiegen hat, der hat die Welt bereist.“ Ich komme kaum nach mit Schauen und Fotografieren und Filmen und Staunen. Nach jeder Ecke, in jedem Winkel gibt es aufnehmenswerte Motive. Aus einem Radio in einem Hinterhof erklingt „Wiener Walzer“.

Die Stadt muss eine Stadt geborener Kuenstler sein.  Alles hier wird oder scheint auf eine fast surrealistische Art geschmueckt, bemalt. Sogar die Garageneinfahrten. Ein altes Rad haengt unter einem Mauervorsprung. Ein Totenkopf aus metallischen Abfaellen bewacht einen Hauseingang. Architekonisch verspielte Haeuser mit Tuermchen und Erkern, die mich mit ihren strengen, figuralen Ornamenten an Jugendstil erinnern.

Jedes Haus hat seine Farbe, seinen Charakter, seine privilegierte Sicht auf das Meer. Kaum Verkehr. Wie auch! In diesen engen Gassen. Weltkulturerbe. Seit 2003. Warum erst so spaet? Von Piraten gepluendert, im spanisch-suedamerikanischen Krieg mit Granaten beschossen, von Tsunamis und Erdbeben heimgesucht, wurde die Stadt immer wieder neu errichtet und blieb, bis zur Einweihung des Panamakanals, der bedeutendste Hafen an der Westkueste des Pazifik.
Nachdem wir etliche Stunden herumgestiegen sind, sind wir muede und  hungrig.

Am Wegrand blueht die corona de Inca, Ihr Duft mischt sich mit der salzgeschwaengerten Luft, die frei von Feinstaub uns die Lungen oeffnet.  Hinunter zum Hafen. Wenn man glaubt in eine Sackgasse geraten zu sein und schon wieder umkehren will, finden wir versteckte Treppen. Im Hafen ueberbieten sich Fischer stimmgewaltig gegenseitig mit preisguenstigen Einladungen zu Hafenrundfahrten. Der Blick vom umgewidmeten Fischerboot aus eroeffnet eine neue Perspektive auf die bienenkorbartig dichtbesetzten Huegel der Stadt. Seehunde, Pelikane, Marine, Containerschiffe, die 120 Tonnen Ladung bergen. Manche aus Hamburg. Im Hafen zu Bergen aufgeschichtete Container in allen Farben, als muessten sie sich der farbenpraechtigen Kulisse anpassen. Jeder Blick eine Augenweide.

Wir haben nicht nur ein Boot gemietet. Mit ihm einen Fuehrer mit wettergegerbter Haut, fuer den es keinen Hafen der Welt gibt, der es mit seinem Valparaiso aufnehmen kann, und zwischen seinen Ausfuehrungen die Damen mit launischen Witzchen unterhaelt: „Was glaubt ihr, essen die Fischer von Valparaiso?“ „Na, was wohl! Natuerlich Fisch“, antworten Ema und Maria unisono. „Weit gefehlt!, meint er, „Wir essen die Frauen aus Santiago!“ 
Jetzt aber knurrt der Magen.

Maria kennt ein traditionelles Fischlokal nicht weit vom Hafen. Hier herrscht eine unglaubliche Stimmung. Das Lokal ist zum Brechen voll. Eine Schule von Architekturstudenten bereist Chile. Alle haben sie grossflaechige Zeichenbloecke mit, auf denen sie Ansichten der Stadt aus ihrer Perspektive festgehalten haben. Trotzdem finden wir einen Platz mit Sicht auf das Meer, auf Pelikane, die auf den Felsen sitzen, um sich schwerfaellig zu erheben, aber dann pfeilartig ins Wasser stuerzen, fast als wuerden sie mit den Maennern konkurrieren, die auf einem Steg ihre Angelruten ins Meer haengen.
Die Menuekarte preist Gerichte von Fischen aus, deren Namen allein mich hungriger machen, als ich es ohnehin schon bin.  Auf Empfehlung von Ema und Maria esse ich einen „….“. Koestlich. Delicioso. Eine temparamentvolle Banda spielt auf. So gut habe ich noch selten gegessen.

Wir sitzen im Sand. Ema badet ihre Fuesse im Meer. Einige wagen sich hinaus und schwimmen, waehrend ich mit langer Unterhose und Thermounterhemd, Pullover, Thermojacke und Schal im Schatten noch immer friere.

Die Menschen hier unglaublich freundlich. Es ist Abend geworden. Wir muessen zurueck. Was fuer ein Tag. Un dia hay que volver. Quisaz.